extra
Wider des Vergessens
von stephan hutt
Es gibt viele Bücher mit interessanten Themen über Degerloch. Straßen, Gastronomie, Kirchen, Stadtteile, Künstler, Zahnradbahn, Handwerk, Weinbau, Schulzeiten - alles abgehandelt und niedergeschrieben. Selbst über die Stuttgarter Kickers, von vielen Degerlochern nur "die Blaue" genannt, gibt es zwei ausführliche Bücher. Anders sieht es mit den braunen Zeiten aus, die auch an Degerloch nicht spurlos vorbeigingen. Die Zeit als der Nationalsozialismus Deutschland in Angst und Grauen versetzte, wurde auf lokaler Ebene unseres Stadtbezirkes nicht historisch aufgearbeitet.
Lediglich das Buch "Ansichtssache Degerloch" von Albert Raff aus dem Jahr 2011 zeigt auf 16 informativen und bebilderten Seiten wie uniformierte Nazis mit Hitlergruß und Hakenkreuzfahnen durch das Ortszentrum unseres Stadtbezirkes marschierten. Zuvor versammelten sich die Ortsgruppen von SA, NSDAP und NSKK (Nationalsozialistische Kraftfahrkorps) anlässlich des Heldengedenktages 1938 am alten Westbahnhof. Einige Jahre später wurden viele Gebäude durch schwere Luftangriffe der Alliierten beschädigt oder ganz dem Erdboden gleichgemacht.
Die spärlichen Informationen über die Zeit von Hitlers Machtergreifung bis 1945 macht die aktuelle Ausstellung im Degerlocher Bezirksrathaus, die Bertram Maurer (Bild) über die NS-Militärjustiz in unserem Stadtbezirk zusammengestellt hat, um so wichtiger. "Die Präsentation bietet die Möglichkeit in Einzelschicksale und damalige Strukturen des NS-Staates abzutauchen", sagte Bezirksvorsteher Colyn Heinze bei der Ausstellungseröffnung. Maurer, der bis zum Frühjahr 2024 Vorsitzender der Geschichtswerkstatt Degerloch war, erwähnte bei diesem Anlass, dass Militärgerichte ohne rechtsstaatliche Verfahren Todesurteile fällten über Menschen, denen die "Manneszucht" fehlte und die als "Schwächlinge" zu beseitigen waren.
Noch bis 8. Juni sind Bilder und Informationen über die Todesurteile und Hinrichtungen auf Stuttgarter Schießplätzen von 32 Personen zugänglich. 21 davon wurden in Degerloch auf dem Schießplatz vollstreckt, der sich am Ort des heutigen Dornhaldenfriedhofes befand. "Darunter waren kaum Widerständler, die meisten wurden wegen Desertion, Plünderung oder Kriegsverrat verurteilt", betont Maurer. Menschen wie Ewald Huth, Gustav Stange, Wilhelm Stähle und Josef Martus, über die der Mitbegründer des Garnisonsschützenhauses recherchiert hat.
* Ewald Huth: Geboren 1890 in Hersfeld, von Beruf Chordirektor, verheiratet, eine Tochter, denunziert von der Nachbarin Flaig und vom Fahnenjunker Kühntopp, der um seine Tochter warb, wegen regime-kritischen Äußerungen und Wehrkraftzersetzung am 1.11.1944 auf dem MG-Schießstand Dornhalde erschossen.
* Josef Martus: Geboren 1909 in Kirrlach, verheiratet, ein Sohn, von Beruf Forstgehilfe, tätig auch in der elterlichen Landwirtschaft und bei der Schutzpolizei, angezeigt von seiner Frau wegen widernatürlicher Unzucht, am 10.8.1942 auf dem MG-Schießstand Dornhalde erschossen.
* Wilhelm Stähle: Geboren 1891 in Markgröningen, verheiratet, eine Tochter, von Beruf Maler, während des Krieges als Oberwachtmeister der Luftschutzpolizei tätig, wegen Plünderung in Form von Kinderschuh-Diebstahl im Kaufhaus Breuninger am 5.4.1944 auf dem Schießplatz Dornhalde erschossen.
* Gustav Stange: Geboren 1903 in Oppenweiler, Tätigkeit in der Schuhreparaturwerkstatt Schlegel in Stuttgart-Süd, Mitglied der Zeugen Jehovas, verweigerte den Kriegsdienst und den Eid auf Adolf Hitler. Bei der Gerichtsverhandlung wurde er gefragt, was denn wäre, wenn sich alle so verhielten wie er. "Dann wäre der Krieg gleich zu Ende", antwortete Stange, der am 20.2.1942 auf der Dornhalde hingerichtet wurde.
Wider des Vergessens sollte ein Aspekt dieser Ausstellung sein. Ähnlich sieht es auch Bezirksvorsteher Colyn Heinze: "Sie macht betroffen. Einzelne Schicksale, deren Leben durch Willkür und Unmenschlichkeit beendet wurde. Die Tafeln sollen auch zur Auseinandersetzung anregen: Mit diesem dunklen Kapitel, den Verfolgungen, den politischen Strukturen und der Gesellschaft dahinter - auch in Degerloch."
Ausstellung über die
Militärjustiz im Dritten Reich
Bezirksrathaus Degerloch
Noch bis Montag 8. Juni
Besuch während der Öffnungszeiten
des Bezirksrathauses möglich
Montag: 8.30 -13 Uhr, Dienstag: 8.30 - 13 und 14 - 16 Uhr
Mittwoch: 8.30 - 13 Uhr, Donnerstag: 8.30 - 13 und 14 - 18 Uhr
Freitag: 8.30 - 13 Uhr
Stolperschwellenverlegung
zu Ehren der Opfer
Dornhalde, Dienstag 19.5. - 8.30 Uhr
durch Gunter Demnig, Initiator
der Stolpersteinbewegung





