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Eine unendliche Geschichte
von stephan hutt
Schon vor der offiziellen Benennung im Jahr 1927 wurde die Verbindung zwischen Degerloch und Schönberg im Volksmund "Königsträßle" genannt. Angeblich führt der Name darauf zurück, dass das "Sträßle" früher von Königen und ihrem Hofstaat als Fahr- und Reitweg benutzt wurde. Seit jenen Zeiten ging es relativ ruhig und gemächlich auf dieser Straße zu - bis zum Jahr 2020. Von da an kamen aus unterschiedlichen Ecken immer wieder Vorschläge, die das Königsträßle endgültig zum allgemeinen Verkehrskonflikt machten.
Seinen Lauf nahm die Diskussion vor längerer Zeit im Bezirksbeirat Birkach. Die Freien Wähler und die CDU forderten im Oktober 2022 die Rückkehr von Tempo 40 auf 60, nachdem die stark beschädigte Straße saniert wurde. Inzwischen gibt es neben dem Bürgerverein Schönberg kaum eine Partei in Birkach und Degerloch, die sich nicht zu einer der Alternativen Tempo 60, Tempo 40, Kfz-Sperrung, Anliegerverkehr oder Fahrradstraße mit Kfz-Verkehr und Tempo 30 zu Wort gemeldet hat. Dass Birkacher Degerloch möglichst schnell erreichen wollen, ist nachvollziehbar - vielleicht fand auch deshalb seinerzeit der Antrag pro Tempo 60 in ihrem Gremium eine Mehrheit, die es so aber nicht mehr gibt.
Bereits im Jahr 2014 hatte die Stadt Stuttgart in der unendlichen Geschichte um das "Sträßle" mitgeteilt, dass die Reduzierung auf Tempo 40 nicht nur am schlechten Straßenzustand lag, sondern auch an den Messungen, die ergaben, dass sich viele Verkehrsteilnehmer nicht an Tempo 60 hielten. Das Königsträßle mit der Endstation Degerloch, seinem Ärzteangebot und Einkaufsmöglichkeiten ist wichtig für Anwohner aus Schönberg und Birkach - aber sicherlich auch für die Gewerbetreibenden in unserem Stadtbezirk. Zudem schätzen Pkw-Fahrer von der Mittleren Filderlinie das "Sträßle" als Schleichweg, um auf der Waldau in den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Sie bevorzugen Tempo 60, damit sie möglichst schnell an ihrem Arbeitsplatz ankommen, außerdem nutzen sie das begrenzte Parkplatzangebot im Sport- und Naherholungsgebiet.
Der Degerlocher Bezirksbeirat hat sich mit Ausnahme der CDU im Dezember 2024 für eine Fahrradstraße mit Markierungen sowie Kfz-Zulassung und Tempo 30 ausgesprochen. Bei einer Verkehrserhebung im Mai 2024 hat die Stadt innerhalb von 16 Stunden in beide Fahrtrichtungen zusammen 2400 Fahrzeuge gezählt, einen Monat zuvor einen Radanteil zwischen 10 und 14 Prozent. Ob diese Zahlen bei mehreren Messungen an unterschiedlichen Tagen, zu verschiedenen Uhr- und Jahreszeiten Bestand hätten, darf angezweifelt werden. Regelmäßige Jogger und Spaziergänger des Waldgebietes links und rechts des Königsträßle sprechen immer wieder von "auffallend wenig Kfz- und Radverkehr" auf dem einstigen Fahr- und Reitweg. Dass das Königsträßle komplett zur Fahrradstraße mit Tempo 30 werden sollte, wäre sicherlich nicht für jedermann/frau nachvollziehbar, zumal die Maßnahme Kosten in Höhe von 200 000 Euro beinhaltet.
Um dem lang andauernden Sträßleskonflikt ein Ende zu bereiten, haben OB Frank Nopper und die Stadtverwaltung kürzlich einen Kompromiss vorgeschlagen. Der Bereich zwischen Jahnstraße und dem Haus des Waldes soll primär zur Fahrradstraße mit Autobeteiligung und Höchstgeschwindigkeit 30 km/h werden. Ab dem Haus des Waldes würde Tempo 40 zwischen Degerloch und Schönberg bestehen bleiben. Allerdings hatte der örtliche Bezirksbeirat als empfehlendes Gremium darauf keinerlei Einfluss, denn der Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik hatte diese Variante bereits vor der entscheidenden Sitzung in Degerloch am 19.5. beschlossen.
Dieses nicht zu akzeptierende Vorgehen löste Verärgerung bei den Degerlocher Bezirksbeiräten aus, die dann auch eine Reaktion gegenüber der Stadt angekündigt haben. Verärgert ist man auch beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), der für das komplette Königsträßle Tempo 30 fordert. Man ist der Meinung, dass es aufgrund der außerorts durchgeführten Sanierung des Straßenbelages keine rechtliche Grundlage mehr für Höchstgeschwindigkeit 40 km/h gibt, denn die ist nur möglich, wenn Gefahr droht. Außerdem hätte man dem Gemeinderatsausschuss die Vorlage ohne fachliche Prüfung der Straßenverkehrsbehörde präsentiert. Der BUND will dieses Vorgehen nun vom Regierungspräsidium prüfen lassen. Gut möglich, dass die unendliche Geschichte des einstigen Fahr- und Reitweges noch lange nicht zu Ende ist.
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