extra
Ein Blick zurück
von stephan hutt
Stadtbild, dieser von Bundeskanzler Friedrich Merz formulierte Begriff sorgte 2025 für reichlich Diskussionen. Aber bleiben wir in Degerloch, wo das Stadtbild vor allem von einem geprägt war - den Baustellen. Kaum eine Straße im Ortszentrum blieb davon verschont. Schonungslos aufgeräumt wird bei den Stuttgarter Kickers: Manager Mark Stein muss seinen Sessel für Rückkehrer Lutz Siebrecht räumen, auf Wiedersehen heißt es auch für den lange treffsicheren Torgaranten Kevin Dicklhuber. Besser wird's das ganze Jahr über trotzdem nicht. Die medizinische Versorgung bereitet so manchen Mitbürgern Sorge. Grund genug für den Degerlocher Frauenkreis zur Veranstaltung "Ärztemangel in Degerloch" einzuladen. Kurz darauf schließen Dr. Stefan Dipper und seine Frau Regina ihre Praxis in der Felix-Dahn-Straße.
Nacheinander wird um zwei verdiente Mitbürger getrauert: Ex-Filderschulrektor Manfred Janle, Autor mehrerer Degerloch-Bücher, stirbt im Februar im Alter von 92 Jahren, fünf Tage später folgt ihm Wengerterin Marta Knobloch (91), die 1950 zur ersten Weinkönigin Baden-Württembergs gekürt wurde. Im März beklagen die örtlichen Weinbauern auch noch den Tod ihres Kollegen Rudolf Gohl. Aber der Monat bietet auch lang Ersehntes: Die Auffahrtsrampe zur B 27 Richtung Tübingen wird eingeweiht. Kurz danach beendet Diakon Jürgen Möck nach 24 Jahren seine Tätigkeit als Waldheimleiter. Mit der Nachfolge tut sich die Evangelische Kirchengemeinde schwer. Sparen ist angesagt, also vertraut man auf eine ehrenamtliche Leitung. Das Kommen und Gehen bleibt nicht stehen, Brigitte Wagner scheidet als Geschäftsführerin des Weltladens aus, Murat Bektas übernimmt die Esso-Tankstelle in der Epplestraße. Bombenstimmung herrscht auf der Waldau - das Sportgebiet wird kurzfristig zum Krisengebiet. Die ansässigen Wirte klagen über Umsatzverluste aufgrund der zeitaufwändigen Sprengkörper-Entschärfung aus dem Zweiten Weltkrieg.
Positive April-Stimmung herrscht im Kickers-Clubrestaurant, als Degerloch hilft sein 25-jähriges Jubiläum feiert. Bei diesem Anlass verkünden die Ehrenamtlichen, dass durch die Degerlocher Weihnachtshilfe 2025 mit einem Spendenergebnis von 102 982 Euro die Millionengrenze an Spendenerlösen überschritten ist. Außerdem präsentieren die Vorstandsmitglieder noch ein neues, besonderes Projekt - eine Rikscha für das Haus auf der Waldau. Mitbürgern, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, finden bei Ausfahrten rund um Degerloch Spaß und Abwechslung, genau so wie die ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrer. Am Rande der Reutlinger Straße passiert Geschichtsträchtiges - vor reichlich Publikum wird das Denkmal für Bauernführer Jerg Ratgeb enthüllt. Bei seinem Frühjahrsempfang präsentiert Bezirksvorsteher Colyn Heinze einen ganz besonderen Ehrengast. Julian Jannsen, der früher das Wilhelms-Gymnasium besuchte, macht als Checker Julian Karriere beim TV-Sender Kika und erhielt dafür im November einen Preis bei der Emmy-Verleihung in New York. Der Wettergott meint es dieses Jahr gut mit dem Degerlocher Frühling des örtlichen Gewerbe- und Handelsvereins (GHV) im Waldheim Degerloch, wo die Band Hirschfieber frisch, fröhlich, frei das Publikum rockt.
Die neue Agnes wird zum Sommer-Spektakel des Veranstaltungsjahres. Mehr Jung als Alt feiert auf dem Agnes-Kneher Platz ein Open-Air-Kino, eine Disco-Partynacht und ein Mini-Weindorf. Auch wenn die Versorgung der Gäste mit Speisen und Getränken Luft nach oben bietet, so war das Gesamtpaket trotzdem allererste Sahne. Die Zeichen der Zeit stehen im Juli auf Abschied: Sowohl Waldschul-Rektor Kai Buschmann als auch sein Kollege Timothy Kelley von der Internationalen Schule sagen nach jahrzehntelanger Tätigkeit goodbye. "Stets findet Überraschung statt, wo man's nicht erwartet hat" - zu diesem Reim von Wilhelm Busch passt der Umzug des Sanitätshauses Glotz. Vom Erdgeschoss in bester Lage der Epplestraße verzieht sich das Fachgeschäft in die Etagen über der Sparda Bank.
Reichlich Gelegenheit sich durch die Erzeugnisse der Degerlocher Wengerter zu probieren gibt es immer Ende Juli und Anfang September bei der Schimmelhüttenhocketse und der Wandernden Weinprobe. Beide Events waren und bleiben ein Publikumsmagnet. Ganz neue Nachrichten kommen aus dem Hoffeld. Die dortige Nachbarschaftswerkstatt zeigt sich ziemlich aktiv und möchte den Stadtteil mit einem Dorfladen bereichern. Vielen gefällt's, manche sind skeptisch und einige halten das für eine Schnapsidee. Anstoßen sollte man darauf nicht - aber das bürgerschaftliche Engagement würdigen allemal. Neues gibt es in der Apotheken-Szene. Hannes Konnerth will mit seinen 80 Jahren nicht mehr Tag für Tag hinter der Ladentheke stehen und verkauft zum 1. Oktober seine Filder-Apotheke an Silvie Eckert, der früher die Sonnen-Apotheke in Möhringen gehörte. Nach einem mehrwöchigen Umbau zeigt sich die Tchibo-Filiale von einer ganz neuen Seite - inklusive Café. Mit einem tödlichen Schockerlebnis geht der Oktober zu Ende. In der Epplestraße wird an der Fußgängerüberquerung beim Ritter-Gebäude eine 90-jährige Frau von einem Lkw überfahren.
Bei der dritten Veranstaltung Degerloch vereint, wird so manchen Anwesenden klar, wie es um die Weiterentwicklung von Degerloch steht. Bezirksvorsteher Colyn Heinze macht keinen Hehl daraus, dass die Stadt aufgrund immens rückläufigen Steuereinnahmen vor allem eines muss - schbara, schbara und nochmal schbara. Die Neugestaltung der Degerlocher Ortsmitte, das neue Verkehrskonzept, das seit sechs Jahren in städtischen Schubladen verwelkt, der Ausbau des Schulcampus und des Garnisonsschützenhauses sowie einiges mehr sind davon betroffen. Im November feiert die Stadtteilrunde ihr 40-Jähriges, dann macht eine Ankündigung Hoffnung, dass die Glotz-Räumlichkeiten in der Epplestraße auf lange Zeit ungenutzt bleiben. Bandagen, Orthesen und Prothesen sind gewesen - jetzt gibt's dort bei Duxiana so manches für das individuelle Schlaferlebnis.
Die üblichen Wechselspielchen forcieren sich Richtung Jahresende. La Maison, das Fachgeschäft für Accessoires in der Mittleren Straße ist Geschichte, jetzt bietet Hautnah Damenoberbekleidung an. Hair'n'more, der Frisuersalon aus der Epplestraße, hat seine 1A-Lage verlassen und verschönert seine Kundschaft jetzt in der Löwenstraße, dort wo die Vermieter mit den Vorgängerinnen Rotkäppchen und Wohn-Löwin sehr unangenehme Erfahrungen gemacht haben. Veränderungen gibt's auch in der Gastronomie. Miri Goebel übergibt im Dezember nach zehnjähriger Tätigkeit ihre Bar Rubensstraße an Alexander Palecek. Der bisherige Filial-Manager der Bäckerei und Konditorei Treiber neben Sport Katzmaier erfüllt sich einen lang gehegten Wunsch - eine eigene (rauchfreie) Bar. Auch Anna Schmid zieht den Stecker nach über zehn Jahren als Wirtin beim TEC Waldau. Die Degerlocher Weihnachtswochen haben 2024 den Stadtbezirk bereichert, so gesehen war die Fortsetzung der Kooperation zwischen Bezirksamt und GHV im zurückliegenden Jahr die logische Folge. Die einen feiern, andere trauern: Der Degerlocher Architekt Jörg Aldinger stirbt am zweiten Weihnachtsfeiertag im Alter von 70 Jahren in jenem Haus, mit dem er einst Degerloch bereichert hat - dem Hospiz St. Martin. Die schon länger bekannte Entscheidung, dass Uli's Physiopark im Hoffeld zum Jahresende schließt und Degerloch damit ein Schwimmbad und eine Sauna weniger hat, sind keine Fake News sondern leider Fakt. Mit der 10. Auflage von Two Souls - Musical meets Rock in der Versöhnungskirche geht ein Jahr zu Ende, das für die Stuttgarter Kickers eine ziemlich bittere Pille war. Auswärts nichts gerissen und zuhause selten überzeugt. Ein blaues Wunder sieht anders aus.





