extra
Der geklaute Fernsehturm
Der Fernsehturm auf Degerlocher Gemarkung feiert in diesem Jahr mit zahlreichen Aktionen und vielseitigem Eventprogramm sein 70-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass wollen wir auf einen Fernsehturm aufmerksam machen, der dem Degerlocher Original äußerst ähnlich ist.
von thomas schulz
Im Sommer 1955 war unser Wohnzimmer im fünften Stock der Stuttgarter Urbanstraße Nummer 62 bei den Nachbarn so etwas wie eine Top-Adresse: Ruhige Lage nach Süden, Bohnenkaffee von meiner Mutter, sowie der freischweifende Blick über den Talkessel mit diversen Kirchtürmen, dem Hauptbahnhof und idyllisch zugewucherten Weltkrieg-Zwo-Ruinen. Dazu aber, und dies vielleicht vor allem anderen: mit dem unvergleichlichen Ausblick auf den Bau des Stuttgarter Fernsehturms, der oben auf der bewaldeten Horizontlinie bei Degerloch in die Höhe wuchs.
Der Aushub und die Arbeiten fürs Fundament hatten schon im Frühjahr 1954 begonnen. Zu sehen war da noch nicht viel. Jetzt aber ging es erkennbar voran, Betonelement für Betonelement. Das geneigte Publikum schlürfte Bohnenkaffee aus Sammeltassen, schnippte Asche von HB-Zigaretten und schaute durch das Fernglas meines Vaters. Fachkundige Kommentare begleiteten den Fortschritt: "Komisch, gestern kam er mir höher vor." Oder: "Da! Der Kran dreht sich!"
An unserem Wohnzimmerfenster entwickelte sich eine Art Baustellentourismus.
Mein Vater schrieb begeisterte Briefe an seinen Bruder Erwin nach Osterburg, Kreis Stendal, Altmark, DDR, in denen er die Überlegenheit des Westens, den Segen der Technik und bei der Verknüpfung in Gestalt des Stuttgarter Fernsehturms pries. Bruder Erwin antwortete zurückhaltend, weil er fürchtete, dass Briefe, die aus der DDR nach Westen gingen, zuvor im Hinterzimmer der Osterburger Post gelesen würden. Und als Sympathisant eines Republikflüchtlings wollte er auf keinen Fall dastehen.
Im Winter 1955 war der nadelförmige Korpus des Fernsehturms, der sich nach oben elegant verschlankte, immer noch höchst attraktiv bei unseren Besuchern. "Wie hoch wird er denn, so insgesamt?" zählte zu den Fragen jener Tage. "Der wird noch viel höher, das wird der höchste überhaupt", antwortete mein Vater stolz, "mit ´nem Café und ´ner Antenne obendrauf." Dieses Insiderwissen, garniert mit Ausschmückungen zur westlichen Überlegenheit, teilte er auch seinem Bruder Erwin mit. Der reagierte reserviert.
Am 5. Februar 1956, einem kalten Sonntag, wurde der Stuttgarter Fernsehturm in Betrieb genommen. 211 Meter hoch, mit Aussichtsplattform, ein neues Wahrzeichen der Stadt. Die Besuchermassen an unserem Wohnzimmerfenster ebbten zur Erleichterung meiner Mutter ab. Die Begeisterung meines Vaters nicht. Er schrieb seinem Bruder eine prächtige schwarz-weiß-Ansichtskarte des nagelneuen Turms, dessen Antenne sich stolz in weiße Wolken reckte. "So sieht er aus, unser Fernsehturm! Toll, was? Viele Grüße, Otto."
Bruder Erwin antwortete nicht. Obwohl: Briefe in die DDR waren schon mal eine Woche unterwegs. Umgekehrt ebenso. Kein Grund zur Besorgnis. Als aber nach sechs Wochen keine Antwort von Erwin vorlag, runzelte mein Vater die Stirn, "Ansichtskarten müssten doch eigentlich schneller gehen, weil weniger draufsteht." So schrieb er seinem Bruder eine weitere Karte, mit der Frage: "Hast du unsere Ansichtskarte vom 12.Februar bekommen? Die mit dem Fernsehturm?" Diesmal antwortete Erwin prompt. "Nein, wir haben keine Postkarte mit Fernsehturm bekommen. Wieso? Viele Grüße, Erwin."
Die Ansichtskarte mit dem Stuttgarter Fernsehturm blieb irgendwo auf dem staatsübergreifenden Postwege des Jahres 1956 stecken. Auch das Jahr 1957 brachte keine Erkenntnis über ihren Verbleib. Ebenso wenig 1958. Mein Vater korrespondierte eifrig, unter der üblichen Zeitverzögerung, mit seinem Bruder Erwin über allerlei Privates und sein Glück im Westen. Die alte Geschichte mit der Ansichtskarte hatte er vergessen. Bis Ende 1959. Da traf eine Ansichtskarte in Stuttgart ein - aus Osterburg, Kreis Stendal, Altmark, DDR. Das Foto zeigte einen Fernsehturm. In schwarz-weiß, aber klar und deutlich. Eine schlanke Konstruktion mit einer knubbeligen Verdickung am oberen Ende und dazu einer Antenne. Auf der Rückseite war zu lesen: "Liebe Sieglinde, lieber Otti, stellt euch vor, wir haben jetzt einen Fernsehturm. Der steht nur fünf Kilometer von uns weg. Wie gefällt er euch?" Die offizielle Anmerkung am Rande der Karte lautete: "Fernsehturm der Deutschen Demokratischen Republik in Krevese-Dequede, Stendal, Altmark. Stahlbetonbauweise. Höhe 184,5 Meter."
Mein Vater wippte elektrisiert auf dem Spiralfedersofa und rief nach meiner Mutter. "Sieglinde, komm mal her. Ich weiß jetzt, was mit der Ansichtskarte damals passiert ist!" Meine Mutter nahm die Karte, ging ans Wohnzimmerfenster, hielt sie in die Höhe und schielte mit dem einen Auge nach draußen, mit dem andern auf die Karte. "Sieht aus wie unserer." Mein Vater erklärte mit Überzeugung: "Eben! Mir ist alles klar! Die haben unsere Ansichtskarte damals eingesackt. Dann haben sie den Turm nachgebaut!" Meine Mutter antwortete: "Blödsinn, man kann doch nicht einen Turm bloß anhand einer Ansichtskarte nachbauen." Mein Vater jedoch ließ sich nicht abbringen von seiner Auffassung. "Guck ihn dir doch an. So ´ne lange Nadel. Genau dieselbe Fasson mit ´ner Plattform da oben. Und genau dieselbe Antenne. So sind sie, die Kommunisten!" Dann schrieb er seinem Bruder: "Lieber Erwin, ich weiß jetzt, warum unsere Karte vom Februar 1956 nicht bei euch angekommen ist! Damit habt ihr unseren Fernsehturm nachgebaut. Ihr habt unseren Fernsehturm geklaut!"
Die Antwort ließ etwas länger auf sich warten. Vier Wochen. Erwin schrieb nur wenig. Aber aus dem Wenigen ging ein leichtes Schuldgefühl hervor.
Nachsatz:
Der Stuttgarter Fernsehturm aus Stahlbeton ist der weltweit erste in dieser Bauweise. Der Fernsehturm in Dequede, ein Ortsteil von Krevese im Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt, zwischen 1955 und 1959 ebenfalls in Stahlbeton erbaut, ist der zweitälteste. Als Vorbild diente tatsächlich der Stuttgarter Fernsehturm.
Foto: Wikipedia, geisterbob





