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Ruhige Events, kein Spektakel
von stephan hutt
Er wurde 1956 eröffnet, ist 216 Meter hoch, wird dieses Jahr 70 Jahre alt, eine Auffahrt gibt's für 12,50 Euro. Soweit einige Zahlen "unseres" Turms, der auf Degerlocher Gemarkung steht, aber allgemein als Wahrzeichen der Stadt Stuttgart herhalten muss. Vor allem weil er aufgrund seiner Stahlbeton-Bauweise baulich den Beginn einer neuen Turmbau-Ära einläutete. Dieses Jahr wird mit zahlreichen Events das 70-Jährige gefeiert. Dabei wurde im und um den von Fritz Leonhardt gebauten Turm herum schon immer viel veranstaltet, auch als der Begriff "Event" noch nichts in der deutschen Sprache zu suchen hatte.
Die Liste der Turm-Veranstaltungen ist unendlich: Theater in luftiger Höhe, Panoramakonzerte, Couchgeflüster über den Wolken, Gin-, Wein- und Whisky-Tastings, Dating-Events, Yoga auf dem Turm, Brunch im Turm, Heiraten im Turm, Führungen im Turm - und das war noch längst nicht alles. Turm bleibt Turm! Zur Gastro-Eröffnung 1999 von "Weber's Gourmet im Turm" mit Sternekoch Armin Karrer, ließ Mister 20 Prozent, Formel 1-Manager Willi Weber, einst seine Zugpferde Michael und Ralf Schumacher vorfahren, gefolgt von Bohlen-Ex Verona Feldbusch, Henry Maske und einigen Musical-Stars. Das war noch Glamour, heute sorgen am Wochenende vor dem Turm aufgemotzte Autos aus der Provinz für Gesprächsstoff und lautstarke Unterhaltung.
Moderat ist es geworden an "unserem" Turm. Ein Sonnenaufgangsevent für Anti-Langschläfer, die Veranstaltung "Oben Piano" und die Reihe "Kulturm" mit Comedy, Lesungen, Kabarett und Musik bereichern zwar das örtliche Kulturgeschehen, zeigen aber auch, dass es ruhiger geworden ist im Turm, auf dem Turm und auch um den Turm herum. Die SWR 4-Sommerfeste sind schon längst Vergangenheit, als Schlager-Größen wie G. G. Anderson, Claudia Jung und viele andere das Seniorenpublikum begeisterten. Richtig spektakulär ging es in den Jahren 2001 bis 2003 ab.
Bei den drei "Base-Jump Sommerfesten", die von der Fallschirmspringer-Legende Klaus Renz organisiert wurden, stürzte sich der Möhringer mit seinen Kollegen aus 152 Metern in die Tiefe. "Ich erinnere mich noch heute an meinen ersten Sprung, als ich da außen an die Gitterstäbe geklettert bin. Es war der Wahnsinn. Die Leute auf der Plattform. Die Leute am Boden. OB Schuster unten am Landeplatz. Alle waren gespannt und der kleine Bub aus Stuttgart-Möhringen freudig aufgeregt", erinnert sich Renz an jene Zeiten als er insgesamt zwölf Sprünge vom Turm absolvierte.
2004, ein Jahr nach dem letzten Fall in die Tiefe, sorgte ein anderes Spektakel für großes Aufsehen. Der Wahnsinns-Artist Johann Traber (†) aus Breisach fuhr mit einem serienmäßigen Smart Roadster auf zwei 195 Meter langen und 16 Millimeter starken Drahtseilen in 53 Metern Höhe an den Turm heran. Den Menschenmassen auf den Parkplätzen rund um den Turm stockte der Atem, als Traber seinen Auftritt mit einem Handstand auf dem Rahmen der Windschutzscheibe krönte. "Es war das Aufregendste, das ich bisher gemacht habe. Das nächste Mal nehme ich wieder den Aufzug", sagte der Artist nach der Veranstaltung, die ein bundesweites Medien-Echo auslöste. Sein Lohn war ein neuer Weltrekord als Hochseil-Autofahrer.
Aktionen wie jene von Klaus Renz und Johann Traber sind 2026 zum 70-Jährigen des Fernsehturms nicht zu erwarten, obwohl das sicherlich erneut die Massen mobilisieren würde. "Wir planen aktuell verschiedene Events, Feiern, Ausstellungen über das komplette Jubiläumsjahr, beginnend mit unserer Präsenz auf der CMT 2026, die ab dem 17. Januar startet. Voraussichtlich zu diesem Zeitpunkt werden wir das detaillierte und vollständige Jahresprogramm dann auch bekanntgeben", sagt Francisco Hoyo, zuständig für Kommunikation und Marketing bei der SWR Media Services. Ruhig und beschaulich, statt Spektakel - so könnte das Jubiläums-Motto des Veranstalters lauten.





