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Der Name bleibt Programm
von stephan hutt
Nachbarschaftshilfe, Begegnungsstätte, Besuchsdienst, WohnCafé, Fortbildung, Kurse, Treffs und vieles vieles mehr - der Degerlocher Frauenkreis, dem auch Männer angehören, hat sich über Jahrzehnte immer weiterentwickelt. Ein Ende ist nicht abzusehen. Wir haben uns mit der 1. Vorsitzenden Michaela Wüterich anlässlich des 75-jährigen Jubiläums unterhalten.
degerloch.info: Hallo Frau Wüterich, Sie sind seit dem Jahr 2022 Vorsitzende des Degerlocher Frauenkreises (DFK). Mit dem 75-jährigen Jubiläum sind Sie jetzt sicherlich ganz besonders gefordert ...
Michaela Wüterich: In der Tat, ein solches Jubiläum zu begleiten, ist anspruchsvoll, aber auch eine große Ehre! Ein 75-jähriges Bestehen ist etwas ganz Besonderes und macht deutlich, wie viel Geschichte, Engagement und Verantwortung in unserem Bürgerverein stecken.
degerloch.info: Bis zu Ihrer Jubiläumshocketse im September stellen sie immer wieder verschiedene Themenbereiche vor, geben Einblicke in die Geschichte, räumen auf mit Klischees, regen zum Nachdenken an. Wer hat denn das ganze 75-Jahre-Konzept entwickelt und wie lange wurde daran gearbeitet?
Michaela Wüterich: Die Gedanken und Ideen sind aus unseren eigenen Reigen entstanden. Stefanie Konnerth, Geschäftsführerin des Degerlocher Frauenkreises, hat bereits im vergangenen Jahr mit Weitblick eine Runde ins Leben gerufen, die sich intensiv mit unserem Image und unserer Geschichte auseinandergesetzt hat - mit den Klischees, mit den Frauen der ersten Stunden, mit unserer Entwicklung und mit dem, wofür wir damals standen und heute stehen. Diese Überlegungen und Ergebnisse haben wir immer wieder gemeinsam diskutiert. Daraus ist schließlich ein Konzept entstanden, das nun zur Umsetzung kommt.
degerloch.info: Sie beleuchten dabei auch den Wandel von der Gründung bis zum heutigen Bürgerverein. Passt diesbezüglich der Begriff "Degerlocher Frauenkreis" eigentlich noch in die Zeit?
Michaela Wüterich: Das ist eine Frage, die uns häufig beschäftigt. Auf den ersten Blick wirkt der Name tatsächlich etwas angestaubt und aus der Zeit gefallen. Je intensiver ich mich jedoch mit den starken Frauen beschäftige, die den Verein gegründet haben, und je mehr ich ihre Zeit und ihre Motivation verstehe, desto berechtigter erscheint mir der Name. Agnes Kneher, die Gründerin des Degerlocher Frauenkreises, hat mit ihren Mitstreiterinnen Großartiges geleistet und sehr viel für Degerloch bewegt! Wir sind ein Bürgerverein, gegründet von Degerlocher Frauen. Ich finde, wir sollten den Namen mit Stolz tragen!
degerloch.info: Im Jubiläums-Logo steht lediglich "75 Jahre Degerlocher Bürgerverein". Befasst man sich beim DFK schon mit einem Imagewandel und Namenswechsel?
Michaela Wüterich: Als Bürgerverein sind wir für alle Bürgerinnen und Bürger da, das wollen wir vermitteln, hier geht es nicht um eine Namensänderung. Wir wollen weg von den noch immer vorhandenen Assoziationen von Kaffeekränzchen oder Häkelrunden. Wir möchten uns offen zeigen für alle Menschen unseres Stadtteils. An dem Namen Degerlocher Frauenkreis halten wir bewusst fest. Gleichzeitig setzen wir ein klares Zeichen dafür, dass alle bei uns willkommen sind, Frauen wie Männer, Jung und Alt.
degerloch.info: Nur ein Viertel ihrer Mitgliedschaft ist männlich. Glauben Sie, dass sich Männer von dem Begriff "Frauenkreis" angesprochen fühlen?
Michaela Wüterich: Die Frage ist sehr berechtigt. Ich glaube, entscheidend ist weniger der Name als vielmehr das, was wir anbieten und wie wir darüber sprechen. Ich bin überzeugt, dass wir vor allem über Inhalte, Angebote und Kommunikation wirken können. Das ist eine Herausforderung, aber eine, der wir uns stellen. Und die uns offenbar gar nicht so schlecht gelingt: Es gibt durchaus Männer, die sich angesprochen fühlen, denn sowohl im Ehrenamt als auch unter unseren Teilnehmern sind Männer durchaus stark vertreten! Unser Kochteam zum Beispiel besteht zur Hälfte aus Männern, und seit drei Jahren hat sich ein sehr gut besuchter Männertreff etabliert, der davon lebt, dass er ehrenamtlich mit viel Herzblut und Engagement von einem Mann organisiert wird!
degerloch.info: Was der DFK mit seiner Begegnungsstätte und den Veranstaltungen anbietet, wie beispielsweise Sprachförderung, Fremdsprachen, Spiel, Kultur, Sport, Kreativität und einiges mehr, ist ja enorm und hat sich über die Jahre rasant entwickelt. Lässt sich das überhaupt noch intensivieren?
Michaela Wüterich: Unsere Angebote orientieren sich am Bedarf. Durch Auswertung und Anpassung sorgen wir dafür, dass unsere Vielfalt nicht nur erhalten bleibt, sondern sich beständig weiterentwickelt und anpasst. Das ist ein kontinuierlicher Prozess. Was wir allerdings immer wieder im Blick behalten müssen, sind unsere Kapazitäten. Ideen gibt es so viele, wir dürfen uns nur nicht verzetteln.
degerloch.info: Trotz der Vielfalt an Angeboten - soziale Leistungen wie Nachbarschaftshilfe und Besuchsdienst bleiben aber die DNA ihres Bürgervereins?
Michaela Wüterich: Vielfalt ist unsere Stärke, aber Mitmenschlichkeit ist unser Fundament. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass wir ohne die unersetzbare Unterstützung von mehr als einhundert Ehrenamtlichen niemals ein so umfangreiches Angebot aufrechterhalten könnten. Insofern würde ich nicht nur unsere sozialen Leistungen als unsere DNA bezeichnen, darunter fällt auch das Engagement zahlreicher Frauen und Männer, die sich im Rahmen unserer Angebotsvielfalt einbringen! Unser Angebot ist gewachsen, aber eines bleibt unveränderlich: Die sozialen Leistungen wie die Nachbarschaftshilfe und der Besuchsdienst. Wir wollen da sein, wo Hilfe gebraucht wird, wir wollen der Einsamkeit aktiv entgegentreten und Orte schaffen, an denen Gemeinschaft gelebt wird.
degerloch.info: Alles was ihr Verein anbietet und bewältigt, muss auch finanziert sein. Wie abhängig sind sie von Spenden?
Michaela Wüterich: Unsere Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit basieren auf einem soliden Fundament, doch die Wahrheit ist: Ohne zusätzliche Spenden könnten wir unsere Aufgaben nicht in diesem Umfang leisten. Unsere Mitgliedsbeiträge sind bewusst überschaubar gehalten, sie haben eher symbolischen Charakter. Keinesfalls sind sie Voraussetzung für eine Teilnahme, sie sind vielmehr ein Bekenntnis, mit dem unsere Arbeit gewürdigt und unterstützt wird. Wir freuen uns daher riesig über jedes Mitglied, das seinen Beitrag entrichtet oder gar aufrundet, und sind unendlich dankbar für jede Zuwendung. Diese Spenden sind für uns oft ein wunderbares Feedback: Sie spiegeln wider, dass unsere Hilfe dort angekommen ist, wo sie gebraucht wurde - mitten im privaten Umfeld unserer Mitmenschen.
degerloch.info: Höhepunkt des Jubiläumsjahres soll ja die Hocketse am 17. September sein. Darf man Überraschungen erwarten?
Michaela Wüterich: Man darf gespannt sein! In erster Linie hoffen wir auf schönes Wetter - und werden natürlich eine alternative Lösung parat haben, sollte der Wettergott nicht mitspielen. Unser größter Wunsch ist eine rege Beteiligung. Wir freuen uns auf zahlreiche Besucher und Besucherinnen, die für gute Stimmung sorgen. Der Agnes-Kneher-Platz soll ein Ort sein, an dem man sich verabredet, einander wiedersieht oder uns vielleicht zum ersten Mal kennenlernt. Kurz gesagt: Ein fröhliches, buntes Fest für alle Generationen!
degerloch.info: Kommen wir zum Schluss. Wie lautet ihr persönliches Fazit der Zeit ihrer Tätigkeit als Vorsitzende des DFK in Bezug auf Arbeitsaufwand, Teamwork und den realisierten Ideen?
Michaela Wüterich: Wenn ich auf meine bisherige Zeit als Vorsitzende blicke, ist mein wichtigstes Fazit: Diese Aufgabe lebt vom Wir-Gefühl. Erfolg stellt sich nur ein, wen wir teamorientiert denken und entwickeln, jeder und jede mit seinen und ihren Stärken - sowohl innerhalb unseres Vereins als auch im Netzwerk des gesamten Stadtteils. Ruhige Phasen gibt es selten. Alles ist in ständiger Bewegung und Veränderungen sind unsere ständigen Begleiter. Deshalb wird es auch nie langweilig - für ein Ehrenamt zuweilen sehr arbeitsintensiv. Aber die Aufgabe bringt Freude, besonders mit einem so motivierten und fröhlichen Team - und sie ist so sinnvoll! Der Umgang mit den vielen unterschiedlichen Menschen erfüllt mich sehr und führt mir jeden Tag vor Augen: Man lernt nie aus.
degerloch.info: Ein gutes Schlusswort. Vielen Dank.
Vita
Michaela Wüterich
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* Alter: Jahrgang 1962
* Familienstand: verheiratet, 1 Kind, 2 Stiefkinder, 4 Stiefenkel
* Beruf: Kommunikations-, Organisations- und Veranstaltungsmanagement
* Wohnort: Degerloch
* Ehrenamt: Vorsitzende des Bürgervereins Degerlocher Frauenkreis e.V.
* Hobbies: Ich bewege mich gerne (Radfahren, Yoga, Wandern, Schwimmen), befasse mich gerne mit Musik und verbringe gerne Zeit mit Familie, Freunden und dem Degerlocher Frauenkreis
* Lebensmotto: Manche Umstände können wir nicht ändern - aber wir können unsere Haltung dazu ändern





