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Ehre, wem Ehre gebührt!
von stephan hutt
Vermutlich wissen viele Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht, dass Rolf Reihle gar nicht Rolf hieß, sondern Rudolf so wie sein Vater - und so steht es auch auf seinem Grab geschrieben. Er wurde zum Rolf gemacht, um Verwechslungen auszuschließen. Das bedeutet aber nicht, dass man das Schild, das seine Enkelin Julia, Enkel Alexander und Urenkelin Sofia am Brunnen vor dem Bezirksrathaus enthüllt haben, neu anfertigen muss. Rolf Reihle war, ist und bleibt Programm in Degerloch. Er war über Jahrzehnte ein wichtiger Mittelpunkt im Stadtbezirk, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Und hätte er zugeschaut, was sich an seinem ersten Todestag vor dem Bezirksrathaus abspielte, hätte er vermutlich gesagt: "Ach Leut, macht doch net so ein Aufhebens wegen mir."
Dass im Ortszentrum auf städtischer Fläche nach Rolf Walther Schmid, dem langjährigen Vorsitzenden der Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins, einem zweiten verdienten Mitbürger ein dauerhaftes Andenken bewahrt wird, kann man als Anerkennung und Würdigung des Ehrenamtes bezeichnen. Die Betonung liegt auf Mitbürger! Denn schließlich wurde im Jahr 2002 im Stadtbezirk die Helene-Pfleiderer-Straße eingeweiht und nach der großen Degerlocher Gönnerin benannt. Für Rolf Reihle brauchte es keine Straße, nichts hätte besser zu ihm gepasst als dieser Brunnen auf dem örtlichen Marktplatz. Dieser Meinung waren auch Bezirksvorsteher Colyn Heinze und viele der fast 200 anwesenden Gäste, die vom Besenwirte-Paar Eberhard und Mara Gohl bewirtet wurden. Organisiert und finanziert wurde die Veranstaltung, die vom International Choir of Stuttgart musikalisch begleitet wurde, vom Gewerbe- und Handelsverein Degerloch (GHV) unter der Leitung von Rolf Armbruster. Der Ehrenvorsitzende moderierte auch den Ablauf der einstündigen Veranstaltung.
Immer wieder setzte sich Rolf Reihle, Inhaber und Chef der inzwischen nicht mehr aktiven Firma "Elektro Reihle" in der Epplestaße, im Rahmen der Neugestaltung unseres Marktplatzes im Jahr 1991 für den Brunnen vor dem Bezirksrathaus ein, der anlässlich der Ehrung vom Degerlocher Gärtnermeister Heinz Tiedemann liebevoll geschmückt wurde. Auf dem nach ihm selbst benannten Brunnen tanzte Reihle früher gegen Ende der von ihm organisierten Marktplatzfeste ausgelassen mit seinem Team zu der Musik seiner geliebten "Trenkwalder".
Eine Ehrung wie diese, die vom International Choir of Stuttgart musikalisch umrahmt wurde, bekommt man nicht nur für eine bestimmte ehrenamtliche Tätigkeit. Dazu gehört schon etwas mehr, zumindest ein langfristiges Engagement im Ehrenamt und vielleicht auch eines in verschiedenen Funktionen. Meiner Meinung nach gehören aber auch menschliche Qualitäten und ein Vermächtnis dazu. Ein Vermächtnis in Form eines langfristigen Nutzens für die Mitbürgerinnen und Mitbürger. In dieser Richtung äußerte sich auch Frank Nopper in seiner Festrede: "Rolf Reihle war ein Bilderbuch-Degerlocher der vor Ort viel bewegt hat", sagte Stuttgarts Oberbürgermeister, und erwähnte die Highlights, die aus Reihles ehrenamtlicher Zeit geblieben sind.
Ob als Vorsitzender des örtlichen Gewerbe- und Handelsvereins (GHV) oder als Chef der früheren Werbegemeinschaft, ob als Gründungsmitglied des gemeinnützigen Spendensammelvereins "Degerloch hilft" oder als Bezirksbeirat - Rolf Reihle war ein Mann des Ehrenamtes. "Sein Degerloch" war ihm stets wichtig und Ehrenamt war Ehrensache. Alles, was er bewirkte, tat er mit großer Leidenschaft, und nicht um sich zu präsentieren. Sein Netzwerk, seine Ideen, sein Einfühlungsvermögen, aber auch seine Schlitzohrigkeit und sein Gefühl für Taktik waren für unseren Stadtbezirk von besonderer Bedeutung. Nicht umsonst entstand bei Insidern der Begriff des "heimlichen Bürgermeisters" von Degerloch.
Und damit kommen wir zu dem bereits erwähnten Vermächtnis. Dass ohne Rolf Reihle nicht viel lief im Stadtbezirk, wissen alle, die ihn kannten. Ob "Degerloch Journal", "Degerlocher Jazz-Frühschoppen" - heute "Degerlocher Frühling", einst eine gigantische Veranstaltung mit immer vollem Haus und reichlich Prominenz, zunächst bei Auto Staiger in der Tränke, später bei VW Automobile in der Schöttlestraße, 20 "Degerlocher Maimärkte" - heute "Degerlocher Sommer" zahlreiche Marktplatzfeste, die lokale Spendenaktion "Degerlocher Weihnachtshilfe", die inzwischen fast eine Million Euro für soziale Zwecke im Stadtbezirk einbrachte, oder der gemeinnützige Spendensammelverein "Degerloch hilft", der nächstes Jahr sein 25-Jähriges feiert - all das und noch einiges mehr wäre ohne Rolf Reihle nicht möglich gewesen. Ganz besonders am Herzen lag dem Degerlocher Geschäftsmann immer der örtliche Einzelhandel. Ob Ostern, Muttertag, Weihnachten oder besondere Events wie eine Fußball-EM - immer hat er sich kreative Aktionen einfallen lassen, um die Menschen in die Läden zu bringen. Und man darf nicht vergessen - er war eigentlich Handwerker, aber ein Handwerker mit großem Marketingtalent.
"Einkaufen in Degerloch erspart die Talfahrt" lautete sein erster Werbeslogan als GHV-Chef zu einer Zeit, als es kaum Konkurrenz auf der grünen Wiese gab und schon gar keine durch das Internet. Aber die Zeiten ändern sich, und Reihle ging immer mit der Zeit. "Qualität in Spitzenlage" war der letzte Slogan in seiner letzten Amtszeit als Chef der örtlichen Werbegemeinschaft. Immer wieder gelang es ihm bekannte Persönlichkeiten für seine Veranstaltungen zu gewinnen. Mercedes-Chef Helmut Werner, der auf der Waldau lebte und leider zu früh gestorben ist, referierte ebenso bei einer GHV-Veranstaltung wie die Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann und Helmut Haussmann.
Ich hatte die Möglichkeit und das Glück über 30 Jahre mit Rolf Reihle bei allen wichtigen Projekten zusammenzuarbeiten. Er ging immer voran, zeigte sich nicht nur kompetent, sondern auch teamorientiert, optimistisch, hilfsbereit, ausgleichend und vor allem als Freund und Partner. Chefgehabe, Arroganz und Hintenrumlästerei waren nie sein Ding.
Aber was bleibt von Rolf Reihle, dem Schaffer und Macher, dem Wegbereiter und Wegbegleiter, der Frohnatur, die so gern lachte? Vor allem das bereits erwähnte Vermächtnis, aber auch die Erinnerungen an eine außergewöhnliche Person, die gemeinsamen Projekte, Aktionen, Veranstaltungen - und Ausflüge in sein geliebtes Wildermieming in Tirol. Die Liebe zu diesem Ort geht auf eine frühere Beziehung des örtlichen Bauunternehmers Fritz Epple zurück, die Reihle auf seine persönliche Art fortsetzte und im Jahr 2013 den Degerlocher "Freundeskreis Wildermieming" gründete.
"Ehrenamt aus Liebe und Leidenschaft für Degerloch" steht auf dem Schild des "Rolf-Reihle-Brunnen" vor dem örtlichen Bezirksrathaus. Diese kurze Botschaft beschreibt den Degerlocher, der am 14. September 2023 im Alter von 85 Jahren gestorben ist, sehr treffend. Ehre, wem Ehre gebührt!
Foto: Rolf Armbruster, Frank Nopper, Familie Reihle, Colyn Heinze (von li.)

