EXTRA - ARCHIV
Keine endliche Geschichte
von stephan hutt
Der Ritter lebt wieder - die Frage ist nur - wann? Die Sorge, dass aus dem über 700 Jahre alten Lokal, in dem sich schon Johann Wolfgang Goethe eine Ruhepause gönnte, eine Übernachtungsstätte wird, ist schon länger vom Tisch. Dass das aktuelle Gebäude (Bild oben) nun doch wieder mit einem Lokal belebt wird machte schnell die Runde. Es ist auch kein Wunder, dass es sich letztendlich um Systemgastronomie handelt, denn wer sonst soll an diesem attraktiven Platz die Gesamtbewirtschaftung der zuletzt von der Pilsstube Ritter und der Hendlburg genutzten Räumlichkeiten finanziell stemmen können. Zumal der Eigentümer des Gebäudes nicht gerade vor Großzügigkeit strotzt.
Wie auch immer, ihr neuen Rittersleut des in München ansässigen Unternehmens L'Osteria - lieber Systemgastro als gar keine, da sind sich viele Mitbürgerinnen und Mitbürger einig. Wer eine L'Osteria-Filiale schon mal testen will bevor es in Degerloch losgeht, hat in der Innenstadt zwei Möglichkeiten. Sowohl in der Kronprinzenstraße als auch am Mailänder Platz lässt sich überprüfen, ob es zutrifft, was die L'Osteria-Zentrale in München auf ihrer Wabsite verkündigt: "In der L’Osteria geht die Türe auf und schon fühlt man sich wie in einer typisch italienischen Osteria. Hier kommen Menschen - Familien, Freunde, Pärchen, Jung und Alt - zusammen, um gut zu essen. Es ist ein bisschen laut, lebhaft und über allem schwebt der köstliche Duft der echten italienischen Küche. Ein offener, herzlicher Ort, an dem man so sein darf, wie man ist und sich wie zu Hause fühlt."
Warten wir es ab, ob der neue Degerlocher Gastro-Betrieb dieser Selbsteinschätzung gerecht wird. Zurück bleiben aber Erinnerungen an eine Kneipenkultur, die für Degerloch bis ins Jahr 2018 ein Anker der Lebensfreude und Vertrautheit war. Nach Archie Breit, dem ersten oder zweiten Pächter der Pilsstube Ritter - so genau weiß das keiner mehr - sorgten sich Bruno und Sabine Hermle von 2006 bis 2016 um das Wohl der Gäste, bis schließlich Hoffeld-Wirt Rüdiger "Rü" Spahr und seine Partnerin Petra Stuber den Zapfhahn übernahmen.
Nach zwei Jahren war bereits wieder Schluss mit lustig, zu groß wurden die Probleme rund um den Bauzustand und die Verpachtungsbedingungen. Viele Stammgäste schwelgen noch immer in Erinnerungen an lange Kneipennächte in geselliger und teils ausgelassener Stimmung mit reichlich Bier und Spaß, hitzigen Diskussionen, Tanzeinlagen und Livemusik. Nicht zu vergessen die Rauchschwaden, deren Geruch die Gäste früh morgens in den Kleidern nach Hause trugen.
Zurück in die ganz alten Zeiten. Die Postkarte, die am 11. April 1905 gestempelt wurde, zeigt auf unserer Abbildung den Neubau des "Gasthaus zum Ritter" mit seinem Fachwerk aus dem Jahre 1900. Eigentümer war damals Christian Hiller, der seinen Namen groß an der vorderen Fassade anbringen ließ. Der neue Saal des Gasthauses enthielt eine Bühne für Theater- und Musikaufführungen.
Das untere Bild zeigt den Ritter um das Jahr 1935. Das Fachwerk ist inzwischen unter den Putz gekommen, Autos haben als neues Statussymbol die Pferdekutschen verdrängt. Bis zu seinem Abriss blieb das Gebäude mit Mittelbau und Saalbau weitgehend unverändert. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde am 22. April 1945 die Stadt Stuttgart im Ritter von Oberbürgermeister Karl Strölin an die Franzosen übergeben. Die erste Kommandozentrale der Amerikaner war dann ab Mai für zwei Jahre Hausherr in dem historischen Gebäude. In den 70er Jahren fand das großräumige Lokal durch den Degerlocher "Wienerwald"-Ableger von Göckele-Impressario Friedrich Jahn einen großen Zulauf. Unvergessen nach wie vor, die kleine Grillstation am Lokaleingang für Göckele to go. Chef hinter der Theke, war "Hippy", den man auch "Hähnchentod" nannte. Seine Göckele warem exzellent, nicht zu vergleichen mit dem, was mobile Grillstände heutzutage verkaufen.
Mit dem Bau des Berolinahauses Mitte der 70er Jahre durch den Degerlocher Architekten Rolf Armbruster sen. (†) hat man den Gasthof mit Ausnahme der denkmalgeschützten Fassade inklusive Wirtshausschild an der Epplestraße abgerissen und später wieder rekonstruiert. Der Mittelbau und der Saalbau wurden durch neue, weniger schöne Gebäude mit anderer Nutzung - heute Edeka - ersetzt. Nach Fertigstellung des Gasthofgebäudes im Jahr 1984 eröffnete auf der Seite zur Epplestraße die "Pilsstube Ritter", seitens des Berolinahauses gingen die Brüder Pagano mit ihrem Lokal "Il Mulino" an den Start.
Erster Wirt der Pilsstube war zu jener Zeit vermutlich Archie Breit, bis im Jahr 2006, wie erwähnt, mit Bruno und Sabine Hermle eine neue Ära begann, die ab 2016 Rüdiger "Rü" Spahr mit seiner Partner Petra Stuber für zwei Jahre fortsetzte. Der "Wienerwald" kehrte nach dem Abriss unter seinem Betreiber Niko Tsikas von seinem vorübergehenden Domizil im Berolinahaus - heute über Aldi - im Jahr 2008 wieder in den Ritter zurück. Als die Göckelesmarke etwas verblasste, wurde der "Wienerwald" zum "HendlHouse" und später unter Valerius Faur zur "HendlBurg". Das war's mit den alten Rittersleut.

