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Von schrägen Vögeln ...
von stephan hutt
Die folgende Besprechung seines letzten Buches "Eine Pinte ist eine Pinte ist eine Pinte ..." wird der Autor nicht mehr lesen können. Klaus Teichmann hat nach langen Depressionen am 9. November sein Leben im Alter von 54 Jahren beendet. Bei den Kickers-Spielen stand er oft an einem Stehtisch beim Fan-Treff am Sportfreunde-Bierstand und verkaufte seine Bücher. Der liebenswerte Kollege und Dunkelblaue mit der Schiebermütze wird von vielen vermisst.
Klaus Teichmann: Kickers-Fan, Soziologe, Journalist, Buchautor, Ex-Kneipenwirt. Eine interessante Biografie und Anlass sich etwas näher mit der Person und seinem Schaffen zu beschäftigen. Der Stuttgarter schrieb für die Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, taz, Die Welt, Spiegel Online oder die Financial Times Deutschland, 11Freunde, Ludwigsburger Kreiszeitung und die Online-Wochenzeitung Kontext.
Teichmann war ein Fußball-Narr. Er hat Bücher über den Karlsruher Sport-Club und den SC Freiburg verfasst - die Fan-Gemeinde der Stuttgarter Kickers kannte ihn aufgrund seiner Werke "Auf die Blaue!" und "Rauf, die Blaue!", die er vor den Spielen am Fan-Treff bei Sportfreunde eigenhändig verkauft hat. Aber der Stuttgarter widmete sich neben seiner Lust dem blauen Gekicke auf der Waldau zu frönen auch einer völlig anderen Leidenschaft. Die hatte so gar nichts mit sportlichem Ehrgeiz zu tun, sondern mit Kneipe und ihrem sozialen Kitt, Alkohol, Zockern und Trinkern. Teichmann übernahm im Jahr 2018 "Rosi's Pinte" am Hölderlinplatz im Stuttgarter Westen, die heute unter dem Namen "Benzin" mit italienischer Küche und weniger mit den Exzessen einer typischen Eckkneipe aufwartet. Bis "Rosi's Pinte" das Zeitliche segnete war Teichmann nicht nur Journalist, sondern nebenher auch Wirt, Soziologe, Paarberater am Tresen und einiges mehr.
"Die einfache Eckkneipe war schon länger vom Aussterben bedroht, Corona hat ihr vollends den Rest gegeben", blickte Teichmann auf seine Zeit als Wirt von "Rosi's Pinte" zurück. Sein neuestes Buch hat nichts mit Kickers und Kickern zu tun, sondern taucht ein in die Kneipenwelt und ihre sozialen Brennpunkte, die der Autor über längere Zeit hautnah erlebt hat. "Eine Pinte ist ein Pinte ist eine Pinte!" ist eine Hommage an die untergegangene Welt der Eckkneipe. Aufgezeichnet in der kleinen Gaststätte im Stuttgarter Westen, die der Autor von 2018 an einige Jahre betrieben hat.
Nächtliche Automatenaufbrüche hielten die Belegschaft in Atem, immer wieder musste bei Drogenexzessen und Prügeleien interveniert werden. Killer und Zuhälter gehörten zu den Gästen, ebenso wie Uni-Dozenten, Dichter und einstige Hausbesetzer, Schweralkoholiker und Prostituierte. Graffiti-Künstler legten Spontan-Hip-Hop-Battles zwischen Fußballprofis und Modelagentur-Chefs aufs Parkett. Es ging turbulent zu - sicherlich turbulenter als bei den Kickers-Ultras, wenn sie eine Niederlage der Blauen im Gazi-Stadion auf der Waldau mit Bier herunterspülen. In über einem Dutzend Kurzgeschichten erzählt der Kickers-Fan seine Zeit als Kneipen-Wirt mit aberwitzigen Szenen, schrägen Vögeln, völligem Kontrollverlust und dem Rock 'n' Roll rauschhafter Nächte.
Degerlocher Kneipengänger werden sich nach der Lektüre des Büchleins, das auch als Weihnachtsgeschenk-Idee erfreuen kann, vielleicht an jene Zeiten erinnern, als die Kneipenkultur vor Ort noch etwas vielseitiger war. Aber das ist eine andere Geschichte.
Buch-Info:
Klaus Teichmann, "Eine Pinte ist eine Pinte ist eine Pinte ... Aufzeichnungen aus der untergegangenen Welt der Eckkneipe", 176 Seiten, 13,90 Euro, ISBN 978-3-00-079417-9, erhältlich im Buchhandel

