Ortsgespräch

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von Stephan Hutt

Vor der Kulisse unserer Stadt

Der Debütroman des Degerlocher Autors Kai Thomas Geiger erschien am 16. März. „autoreverse” spielt im Stuttgart der 80er Jahre und erzählt eine Geschichte vom Heranwachsen mit viel Rock’n’ Roll.
Kai Thomas Geiger

degerloch.info: Herr Geiger, eigentlich sind Sie Kreativdirektor, Regisseur, Drehbuchautor, Musiker und Blogger. Warum nun auch noch ein Buch?

Geiger: Der Roman ist für mich die logische Konsequenz von Kreativität, die sich immer wieder neue Ausdrucksformen sucht. Songs zu schreiben und sie mit Bands aufzunehmen, wie ich es Anfang der 90er Jahre gemacht habe, war natürlich ein ganz anderer Prozess, als das Drehbuch zum Spielfilm „Dead Fish” zu entwickeln, das dann mit Oscar-Preisträger Gary Oldman und vielen anderen wunderbaren Schauspielern verfilmt wurde. Auch bloggen und Werbung haben vielleicht erst mal nicht viel miteinander zu tun. Und trotzdem ist allen Disziplinen gemeinsam, dass sie Geschichten erzählen. Nur ihre Entstehung ist jedes Mal anders. Beim Roman hat es mich gereizt, herauszufinden, was passiert, wenn ich keine Band um mich herum habe, die eine Idee instrumentiert. Keinen Kunden, der die Inhalte vorgibt. Und keine Schauspieler, die eine Szene durch ihr Spiel lebendig werden lassen. Was passiert, wenn man sich einfach nur alleine hinsetzt und schreibt?

degerloch.info: Inhaltlich geht es um Jugendliche, die gemeinsam aufwachsen.
Sie stehen auf Rock’n’ Roll, nicht nur als Musikrichtung sondern auch als
Lebensstil. Geben Sie uns einen Überblick über Ihren ersten Roman.

Geiger: „autoreverse” handelt von einem Aufwachsen, wie wir es alle kennen. Der Schlammassel zwischen zwölf und 18. Wenn man sich kopfüber aus dem Nest zuhause stürzt, um herauszufinden, wo man sonst noch hingehören könnte. Welche Musik man mögen darf. Welche Zigarettenmarke die coolste ist, welches Moped das einzig richtige. Und was passiert, wenn plötzlich das andere Geschlecht nicht mehr nur „die doofen Mädchen” sind. Das alles vor der Kulisse Stuttgarts, beschallt mit einem Soundtrack von AC/DC, Queen und Motörhead und angesiedelt in den tiefen 80er Jahren. So gesehen ist „autoreverse” fast schon ein Historienroman.

degerloch.info: Ist es ein Stuttgart-Roman, ein Rock’n’ Roll-Roman
oder ein 80er-Jahre-Roman?

Geiger: Es ist ein Rock’n’ Roll-Roman im Stuttgart der 80er Jahre. Aber es wird weder schwäbisch gesprochen, noch wird versucht, sich dem abgeblätterten Charme einer dieser 80er-Jahre-Parties zu bedienen. Ich glaube, man kann die lustige, aber auch durchaus sentimentale Geschichte auch ganz gut lesen, ohne die Schauplätze zu kennen oder jedes Lied darin mitsingen zu können. Es geht um ein Lebensgefühl – und das war in Nürnberg nicht arg viel anders als in Stuttgart.

degerloch.info: In Ihrem Buch zeigen Sie ein anderes 80er-Jahrzehnt, als es den
meisten im Kopf ist. Warum denken wir eher an Blondie als an AC/DC?

Geiger: Blondie und Nena & Co. waren Modeerscheinungen. Sie kamen, gingen und recycelten sich ein paar Jahrzehnte später nochmals selber. Bands wie AC/DC, Kiss oder Motörhead sehen heute noch so aus wie damals – nur ein bisschen älter. Sie klingen noch genau so. Sie faszinieren auch noch genauso. Rock’n’ Roll war und ist kein Zeitgeist-Phänomen wie Blondie, sondern ist bis heute das Grundrauschen einer kleinen Gemeinschaft. Ehrlich und echt. Erst in den späten 80ern, als die Europes und Bon Jovis dieser Welt plötzlich Rock-Balladen komponierten und die Dauerwelle bei Männern salonfähig machten, wurde Rock’n’ Roll unfreiwillig komisch.

degerloch.info: Warum der Stuttgarter Stadtteil Möhringen? Dort spielt
ein Großteil Ihres Romans.

Geiger: Ich bin selber in Stuttgart-Möhringen aufgewachsen und die Erinnerung an viele Schauplätze war beim Schreiben noch sehr lebendig. Und ich wollte einfach keine künstliche Westernstadt-Kulisse im Kopf aufbauen, in der die Geschichte spielt. Allerdings bewegen sich die Protagonisten im Roman langsam und vorsichtig aus Möhringen raus und trauen sich in die Stuttgarter Innenstadt, nach Ludwigsburg, Nürnberg und Frankfurt, weil ihre Lieblingsbands nun mal nicht nach Möhringen kommen.

Info:
autoreverse, Kai Thomas Geiger, Theiss Verlag, 240 Seiten, 14,95 Euro

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