Ortsgespräch

von Felix Reiser

Stuttgarter Tatorte

55 ungeklärte Morde gibt es in Stuttgart seit Kriegsende. Die Spuren führen in diesen Fällen auch nach Degerloch und einigen Nachbarorten.

Es ist bald 25 Jahre her, als die Nachbarn der Shell-Tankstelle am Haigst durch einen nächtlichen Schuss aufgeschreckt wurden. Der Täter, der einen Mitarbeiter von Betreiber Eckhard Marquardt kaltblütig erschoss, ist nach wie vor auf freiem Fuß. Auch die Ermordung von Sabine Binder, die öfters in der Degerlocher Discothek Domus verkehrte, konnte bisher nicht aufgeklärt werden. Das junge Mädchen wurde 1981 auf dem Heimweg zwischen Möhringen und Plieningen vom Fahrrad gezerrt und bestialisch umgebracht.

Über ungeklärte Mordfälle spricht Hans-Peter Schühlen (Bild) nicht so gerne. Der Kriminalhauptkommissar im Ruhestand verweist dabei auf das Wissen, das den Tätern vorenthalten bleiben muss. Aus seinen Reaktionen lässt sich aber schon erkennen, ob die Kripo in ihren Asservatenkammern noch etwas in petto hat. Und die Täter sollten auch nicht vergessen, dass die Entwicklung der technischen Untersuchungsmethoden weiter voranschreitet. "Selbst wenn ich sie nur ganz leicht an ihrer Jacke anfasse, bleiben Hautpartikel zurück, die heute für eine DNA-Analyse ausreichen", sagt Schühlen, der jetzt im Silberburg-Verlag sein Buch "Stuttgarter Tatorte - Meine spektakulärsten Fälle" herausgebracht hat. Ungeklärte Morde spielen hierbei logischerweise keine Rolle, dafür eine Geiselnahme im Weidachtal im Jahr 1987 und ein Mordkommando aus Hamburg, das einen Bewohner des Asemwaldes kaltblütig erschoss.

Mit dem Blick des Insiders, aber auch mit dem nötigen Feingefühl, erzählt er aus seinem bewegten Leben in der Mordkommission. Als Zeitzeuge gewährt er auch einen unmittelbaren Einblick in die Geschehnisse im "Deutschen Herbst" 1977. Authentisch beschreibt er den Alltag und lässt dabei erkennen, in welchem emotionalen Spannungsfeld Kriminalbeamte angesichts erschütterndster Eindrücke steht. Gegen Ende seiner Karriere verdiente sich Schühlen, der bei den Einsätzen während seiner Amtszeit nicht einen Schuss abgeben musste, den respektvollen Beinamen "Der Katakombenkommissar". Da Mord nicht verjährt, machte es sich der Ermittler zur Aufgabe, in den Tiefen der Asservatenkammern unaufgeklärte, aber seit Jahren ruhende Kriminalfälle neu aufzurollen. Mithilfe der DNA-Analyse und anderer moderner Untersuchungsmethoden konnte er jahrzehntealte Fälle aufklären. Vielleicht sind seine früheren Kollegen ähnlich erfolgreich und kommen den Mördern von Sabine Binder und dem Mitarbeiter der Shell-Tankstelle in Degerloch doch noch auf die Spur.

Info:
Stuttgarter Tatorte - Meine spektakulärsten Fälle
Hans Peter Schühlen, Silberburg-Verlag
kartoniert, 192 Seiten, 37 Abbildungen, 19,90 Euro

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