Ortsgespräch

von Felix Reiser

Stille Befürworter

Ein Laden, eine Bäckerei, ein Café. Normalerweise ein Segen für einen abgehängten Stadtteil wie den Haigst. Doch wie meistens sind die Gegner lauter als die Befürworter. 

Das waren noch Zeiten am Haigst - die 60er und teilweise auch die 70er Jahre. Gute Nahversorgung und reichlich Banchenmix wie anno dazumal sind allerdings längst Geschichte. In der Kauzenhecke gab's den Bäcker Scheuermann mit seinen heute noch unschlagbaren Brezeln und dem morgendlichen Homeservice. Ein paar Meter weiter ein Lebensmittelgeschäft, und dann kam auf der anderen Seite schon der Metzger Maier mit seinem herrlich duftenden warmen Fleischkäs. Daneben ein Friseur und das Schreibwarenlädle Graupner. So viel zur Kauzenhecke. Dabei gab es am Haigst noch drei andere Läden mit Gemüse oder Gemischtwaren, einen Konsum, einen Milchladen und einen weiteren Bäcker.

Geblieben ist nur der Laden "Feinkost auf dem Haigst" von Jusuf Bati, dessen Gebäude (kleines Bild) an der Zahnradbahn ziemlich in die Jahre gekommen ist. Auch das Angebot entspricht nicht mehr den glorreichen Zeiten der Familien Kittelberger und Klein. Dass Investor Reiner Sedelmeier das Grundstück am Eingang der Alten Weinsteige von der Stadt gekauft hat und mit Laden, Bäckerei und Café neu bebauen wird, ist eigentlich ein Geschenk für den Degerlocher Stadteil. Geschenke dieser Art werden in der Regel aber zunächst mal kritisch beäugt und dann zerpflückt. In vorderster Front ein paar direkte Anwohner, die sich lautstark namentlich zu Wort melden, während sich die meisten der zahlreichen Befürworter anonym im Hintergrund halten.

Das architektonische Schmuckstück mit einem 120 Quadratmeter großen Laden, 140 Quadratmetern Bäckerei und einem 70 Quadratmeter großen Café, Kurzzeitparkplätzen und öffentlichen Toiletten wird von einigen Nachbarn in Bezug auf eingeschränkte Aussicht auf die Stadt, Baukörpergröße, Verkehr und Parkplatzproblemen kritisiert. "Herr Sedelmeier ist auf die Bedenken sehr positiv eingegangen. Das Konzept ist durchdacht und keine Träumerei", sagte Bezirksvorsteher Marco-Oliver Luz nach einer öffentlichen Präsentation des Projektes. "Die Bebauung wertet das Tor zum Haigst auf, außerdem ist die Nahversorgung auf dem Haigst auf Jahrzehnte gesichert", sagt Bezirksbeiratssprecher Götz Bräuer.

Natürlich verstehen Fürsprecher des Projektes auch die Nachbarn. "Wir können die Einwände einiger Anlieger durchaus nachvollziehen. Andererseits bedeutet das Projekt für die meisten Anwohner eine beträchtliche Verbesserung der Nahversorgung und der Einkaufsverkehr nach Degerloch oder in die Stadt würde sich verringern", sagt das ansässige Ehepaar Käppler. Ähnlich sieht es Tina Käser, die von klein an am Haigst lebt: "Für den jetzigen Betreiber tut es mit leid, auch wenn der Bau noch nie ein architektonisches Meisterwerk war. Andererseits ist es ein toller Ort für ein Café und ein schönes Gebäude würde mir an der Stelle auch gut gefallen."

Ob Gegner oder Befürworter des Projektes, alle tun gut daran, die Neubebauung in einem Gesamtkontext mit Zahnradbahn, Stadtbahn-Verbindung, Santiago-de-Chile-Platz und Haigstkirche zu sehen. So ist beispielsweise die Neugestaltung der Zacke-Haltestelle mit weniger Bodenversiegelung und optimiertem Zugang zur Stadtbahn geplant. Was ein kommunikatives Zentrum für die Haigstbewohner betrifft, bieten Laden und Café im Zusammenspiel mit Haigstkirche, Santiago-de-Chile-Platz und vielleicht auch dem Gemeinschaftsgarten El Palito neue Möglichkeiten. Sie müssen nur genutzt werden.

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