Ortsgespräch

von Felix Reiser

Mit Plumpsklo, ohne Heizung

Ende März wird der Blumenladen in der Seilbahn-Station am Waldfriedhof geschlossen. Pächter Heinz Tiedemann blickt zurück. 

In wenigen Minuten vom hektischen Großstadttrubel in die ruhige Idylle rund um den Waldfriedhof - das geht nur mit der 1929 in Betrieb genommenen Seilbahn. "Man nennt sie auch Erbschleicher-Express, weil auf der Fahrt von Stuttgart-Süd bis zur Bergstation in Degerloch Erben öfters heftig gestritten haben", sagt Gärtnermeister Heinz Tiedemann (Bild unten), der fast jedes Grab auf dem Waldfriedhof kennt.

Neben seiner Gärtnerei betrieb der leidenschaftliche Motorradfahrer fast zehn Jahre lang den Blumenladen in der Seilbahn-Station (Bild oben), deren Eigentümer die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) ist. "Zum 31. März geht unsere Ära zu Ende", sagt der 70-Jährige. Die Frage nach dem Warum ist schnell beantwortet: "Ich bin im Rentenalter, außerdem ist der Laden der SSB nicht mehr zeitgemäß. Es gibt keine Heizung, und ein Plumpsklo kann man seinen Mitarbeiterinnen ebenso wenig zumuten wie die Arbeitszeiten am Wochenende."

Als die Seilbahn vor 90 Jahren Fahrt aufnahm, waren die Betreiber des Blumenladens auch für den Geldwechsel und den Verkauf der Fahrscheine verantwortlich. Das hat sich im Laufe der Zeit verändert. Tiedemanns Mitarbeiterinnen verkauften hauptsächlich Schnittblumen, Topfpflanzen und Trauergebinde, aber auch Eis, Kaffee und kleine Snacks. "Die ersten Jahre waren sehr gut, aber es ist nicht mehr wirtschaftlich, denn es gibt immer weniger Gräber und somit kommen weniger Besucher. Teilweise haben wir mehr Eis als Blumen verkauft. Das Geschäft lebt vom Wochenende und da wird es schwierig mit den Mitarbeiterinnen."

90 Jahre ist es nun her, als die Seilbahn ihre Fahrt aufnahm und Karl Seemann den ersten Blumenladen eröffnete. Nach seinem Tod im Jahr 1954 führte seine Frau Thea das Geschäft weiter, bis Sabine Haag-Walz ihre Nachfolge antrat. Dritter und wahrscheinlich letzter Pächter des Geschäftes in der Seilbahn-Bergstation wurde Heinz Tiedemann anno 2010. Wie man hört, soll die Räumlichkeit zukünftig als Ausstellungsraum genutzt werden. Und Tiedemann? Der wird sich weiterhin engagiert und leidenschaftlich um seine Gärtnerei im Bruderrain kümmern.

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