Ortsgespräch

von Emily Schwarz

Hohe Handwerkskunst

Maßanzüge in höchster Qualität werden von Fikri Kablaoui in Degerloch in der Metzinger Straße angefertigt.

Als fünftes von elf Kindern wurde der Degerlocher Maßschneider im nord-libanesischen Tripoli geboren. An diesen Ort waren seine Eltern aus Palästina geflüchtet. Wie im Libanon üblich, half auch Fikri in den Schulferien gemeinsam mit seinen zwei Brüdern beim Vater, einem Herrenschneider, aus. Es dauerte nicht lange, da fiel dem Senior das besondere Talent seines Sprösslings auf. Mit zehn Jahren fertigte Fikri Kablaoui, der vor 44 Jahren nach Deutschland kam, innerhalb von acht Monaten sein erstes Sakko an. Da lag es auf der Hand, dass er auch beim Vater in die Lehre ging. Als Jugendliche mit 14, 15 Jahren gingen die beiden Brüder Fikri und Zohair nach Beirut. Tripoli war ihnen zu klein geworden, die große, mondäne Modemetropole zog sie in ihren Bann.

Im "Paris des Nahen Ostens" gingen sie auf eine Meisterschule, lernten bekannte französische und italienische Modemacher und Maßschneider kennen und machten sich mit ihrem eigenen Atelier selbstständig. Während dieser Zeit fertigten die Brüder auch Maßanzüge für bekannte Künstler und Politiker an. Eine Begegnung ist Fikri Kablaoui in besonderer Erinnerung geblieben: Er, als Palästinenser, durfte bei einer Anprobe des ehemaligen libanesischen Präsidenten Camille Chamoun, einem Christen, dabei sein, da der Chef einer befreundeten Schneiderei den Fehler nicht fand. Kablaoui erkannte das Problem sofort. "Chamoun klopfte mir auf die Schulter und gab mir den Auftrag, acht seiner Anzüge in Ordnung zu bringen. Da war ich 16 Jahre alt."

Einige Jahre später zwang ihn der Bürgerkrieg zur Flucht. Weil er für Italien, wo ein befreundeter Schneider lebte, kein Visum bekam, landete er in Deutschland. Und wie das Leben so spielt, lernte er ein Jahr später seine Frau Christa kennen. Kurz darauf folgten schon die Hochzeit und zwei Kinder. 1980 zog das Ehepaar dann in eine Wohnung in Degerloch in der Metzinger Straße, wo sie heute noch leben. In Stuttgart angekommen, machte Kablaoui Station bei verschiedenen Schneidereien, arbeitete mit Markenherstellern wie Hugo Boss zusammen, fertigte Kostüme für das Staatstheater und das Musical "Miss Saigon".

Vor 20 Jahren machte er sich dann mit dem "Maßatelier Kablaoui" selbstständig. Die Verwendung bester Stoffe, 100 Prozent Handarbeit, Kreativität und ein besonderes Auge fürs Detail zeichnen seine Werke aus. Um die 100 Stunden steckt der Degerlocher Maßschneider in einen Anzug. "Ich würde es auch in zehn Stunden schaffen, aber nicht in dieser Qualität", bemerkt der Fachmann. Exklusive Stoffe und hohe Handwerkskunst haben ihren Preis. Ab 5700 Euro aufwärts bezahlen Kunden für einen Anzug, Kosten für die Stoffe nicht eingerechnet. Und nach oben gibt es keine Grenze: So verarbeitet Kablaoui auf Wunsch auch Vicuña, ein Stoff aus der Brust- und Halswolle einer südamerikanischen Lama-Art. 24 000 bis 28 000 Euro kostet so ein Anzug. Wohl dem, der das ausgeben kann.

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