Ortsgespräch

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von Stephan Hutt

Gastronomie im Ortszentrum

Neue Akzente wurden im vergangenen Jahr in der Gastronomie im Ortszentrum von Degerloch gesetzt. 14 Restaurants, Kneipen, Bistros und Besenwirtschaften präsentieren sich inzwischen entlang der Epplestraße.
Gasthaus zum Hirsch

Neues erwartet man mit Spannung, Freude - und einer gewissen schwäbischen Skepsis. So erging es vielen Degerlochern mit dem Restaurant Lava. Das Lokal von Ute Hollenbach neben dem Rewe-Markt gegenüber der Metzgerei Kussmaul ist seit der Eröffnung Thema an vielen örtlichen Stammtischen. "Gute Qualität", "modernes Ambiente", "überschaubare Portionen", "man sitzt wie im Schaufenster" - es gibt nichts, was nicht gesagt wurde. Die Restauranttester der Stuttgarter Zeitung ließen sich Pfifferling-Speck-Knusper, gratinierten Ziegenfrischkäse, Allgäuer Hirschrücken und Rinderfilet mit Steinpilzen servieren und bewerteten die Kostproben mit "überdurchschnittlich", den Service mit "herausragend" und das Ambiente ebenfalls mit "überdurchschnittlich". Gute Noten von der Presse sind ein Aspekt, über Erfolg oder Misserfolg entscheiden aber immer noch die Gäste.

Das trifft auch auf das Gasthaus zum Hirsch zu. Der neue Wirt Ralf Kuhn hat sich seit der Eröffnung im Oktober gut eingelebt. Im Vordergrund steht nicht er selbst, sondern die gut bürgerliche, regional geprägte Küche. Sauerbraten, Rinderroulade, Maultaschen und Rostbraten stehen auf der Speisekarte, auf der manche Gäste noch den obligatorischen Wurstsalat vermissen. Was nicht ist, kann ja noch werden. "Sagen Sie es, wenn Ihnen etwas auf unserer Karte fehlt", sagte Kuhn bei der Einweihung, als er den Gästen Hochprozentiges spendierte. Dass es Ernst gemeint war, hat sich inzwischen gezeigt: Im Hirsch gibt es jetzt auch Vegetarisches.

Gute Preis-Leistungs-Verhältnisse

Veränderungen gab es auch im Holzkrug, der seit 19 Jahren in der Löwenstraße von Mili und Winco Bilic geführt wurde. Robert Poljak, langjährige Servicekraft bei den kroatischen Wirtsleuten, hat das Lokal im September übernommen und führt es zusammen mit seiner Lebenspartnerin Mariana auf ruhige und zurückhaltende Art. Im Volksmund spricht man seit dem Ausscheiden der temperamentvollen Mili Bilic deshalb vom "Stillen Krug". Das Lokal brummt und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Davon hat sich auch Hirsch-Wirt Ralf Kuhn überzeugt, als er sich vor seinem Amtsantritt über die örtliche Gastronomie informierte. Dabei dürfte er eines übersehen haben: Das neu angebrachte Regälchen auf der Damen-Toilette. Hier findet sie alles, was Frau für gewisse Notfälle so braucht.


Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt auch gegenüber im Fässle. Rudolf Schmölz kocht seit Jahren knapp unterhalb einem Stern, aber mit zahlreichen anderen Auszeichnungen. "Wir pflegen den Anspruch Konventionelles und Modernes zu einem ansprechenden Mix zusammenzuführen", sagt Schmölz, dessen Frau Eva den Service leitet. Zahlreiche Prominente und Wirtschaftsbosse, auch aus dem Daimler-Vorstand, genießen die Gourmet-Küche, während ihre Fahrer im Holzkrug auf der anderen Straßenseite bei Cevapcici und Schweinshaxe verweilen und auf ihren nächsten Einsatz warten.

Exotische Angebote

Viele Degerlocher bedauern, dass die Feine Kost im ehemaligen Weihnachtsladen gegenüber vom "Gasthaus zum Hirsch" nur bis 14 Uhr geöffnet hat. "Daheim in Stuttgart, zuhause in der Küche der Welt" lautet das Motto von Silke Stahn. Die Gastronomin zelebriert mit Leidenschaft eine international gemischte, kulinarische Vielfalt, die ihresgleichen sucht. Spaghetti in Feigen-Sauce oder Frikadelle mit geistreicher Dörrobst-Füllung sind nur einige Beispiele aus ihrem Angebot, für das wenig Fleisch, aber viele frische Kräutervariationen verarbeitet werden. Auf recht unterhaltsame Weise reicht ihr Partner Thomas Langholz die Gerichte an die Gäste weiter, die inzwischen vor der Theke eine Schlange bilden. Qualität hat ihren Preis. Und den bezahlt man in der Feinen Kost auch mit Warten und Geduld.


Wenn früher jede Menge auswärtige Autos auf dem Fußgängerweg gegenüber dem Tavola Calda in der Mittleren Straße parkten, sagte das wenig über den Besuch in dem kleinen, aber feinen Lokal aus. Die Herren ließen ihr Geld auf der anderen Straßenseite liegen, wo asiatische Damen horizontal den Verkehr regelten. Die Zeiten sind allerdings längst vorbei. Im Tavola Calda, zu deutsch "Imbisstube", lockt Inhaber Antonio Guastella mit Seezunge, Dorade, Hummer, Steinbutt und anderen Getierchen. "Wenn ich guten Fisch essen will, geh ich ins Tavola Calda", sagt der örtliche Getränkehändler Rudi Beilharz. Mehr Meer gibt's nirgendwo im Ortszentrum von Degerloch.

Gastronomisches Bermuda-Dreieck

Paniertes Schnitzel oder Wienerschnitzel - auch das ist immer wieder ein Stammtischthema in Degerloch. Wer hat das Größte, wer hat das Beste? Kaum zu glauben, aber in diesem Zusammenhang kommen immer wieder die Filderhöhe und die Besenwirtschaft Gohl in der unteren Epplestraße ins Gespräch. Nico Asmanidis betreibt die Filderhöhe mit seiner Familie auf "högscht" sympathische Art. Ein herrlicher Biergarten, Fußballpublikum, Rauchwolken am Kneipenhorizont sowie wenige, aber reichliche Gerichte stehen für das Lokal, das manche nach einem Besuch bei Elsbeth Koch-Gohl aufsuchen - der angeblich "schönsten Besenwirtin von Degerloch". So wurde jedenfalls ein Besengast in der Oktober-Ausgabe des Degerloch Journals zitiert.

Das gastronomische Bermuda-Dreieck mit Besenwirtschaft Gohl und Filderhöhe schließt sich in der Leinfeldener Straße mit Der Besen von Mara und Eberhard Gohl. Der Bruder von Elsbeth Koch-Gohl soll laut Leserbrief im Degerloch Journal "der schönste Besenwirt von Degerloch" sein. Schönheit ist aber subjektiv und schon gar nicht alles. Fakt ist, dass der "schöne Eberhard" von den Rebstöcken am Scharrenberg bis auf den Tisch seiner Besenwirtschaft immer gute Wein- und Secco-Qualität serviert. Dazu gibt's aus der Küche seiner Frau Mara hausgemachte Maultaschen, Obatzda und Krustenbraten. Und das schmeckt auch den jüngeren Besengängern, die immer öfter in der Leinfeldener Straße auftauchen.

Vom Café in die Kneipe

"Wie läuft das Geschäft", wurde Steffi Konnerth kürzlich mal wieder gefragt. "Besser, seit das Lava da ist", sagte die selbstbewusste Wirtin des Café Russini, das eigentlich eher ein Bistro ist. Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft. Das wussten schon die alten Degerlocher anno 1900 als sich in der Epplestraße statt Friseur an Friseur oder Bank an Bank noch Lokal an Lokal reihte. Das Russini in der Felix-Dahn-Straße ist auf einem guten Weg. Frühstück, Suppen, Salate und neuerdings Flammkuchen schmecken den Gästen und auch die täglich wechselnden Mittagsgerichte kommen gut an. Lediglich mit den Öffnungszeiten haben manche noch so ihre Probleme. Ab 17 Uhr ist laut offiziellen Angaben geschlossen.

Wer im Russini vor verschlossener Tür steht, aber nach der Arbeit Lust auf ein Bier verspürt, muss nicht trocken bleiben. Zu dieser Zeit peilen viele Gäste die Pilsstube Ritter am Albplatz an. Sabine und Bruno Hermle betreiben die Kneipe seit Juli 2006. Seither darf hier, bis auf eine kurze, gesetzlich bedingte Unterbrechung, zum frisch gezapften Pils auch geraucht werden. Und Unterhaltung wird ebenfalls geboten. Live-Musik und Travestie-Einlagen sorgen genauso für Kurzweil wie die Anlage hinter der Theke. Wenn "Ritter Bruno" den DJ macht und den Song "So ein schöner Tag" spielt, singen alle die schon beschwingt sind auch beschwingt mit. Währenddessen legt draußen die Nacht so langsam ihr dunkles Gewand ab.

"Kein Anschluss" steht im Degerlocher Branchenverzeichnis bei Degerlocher Kneiple unter der Rubrik "Telefonnummer". Dabei lässt sich in diesem Kneiple durchaus Anschluss finden. Die Mädels, die hinter der Theke ihrem Job nachgehen, sind nämlich nicht auf den Mund gefallen. Ganz egal ob sie nun Alex, Steffi oder Miri heißen. Zu früheren Zeiten, als das Kneiple noch "Kaiserschänke" hieß, war das etwas mühseliger. Mit dem Wandel in der Kommunikation konnte das Inventar allerdings nicht mithalten. Die große, fast hufeisenförmige Theke mit nummerierten Plätzen ist geblieben. Und deshalb kann es auch mit der Kommunikation schwierig werden. Nämlich dann, wenn Gast Nummer drei mit Gast Nummer 15 ins Gespräch kommen will. Deshalb: Immer an die Mädels halten....

Hahn im Korb

Wenn in der Pilsstube Ritter noch gesungen wird, sind im Hendlhouse nebenan die Lichter längst ausgegangen. Nikolaos Tsikas bietet im ehemaligen Wienerwald in der Epplestraße neben "Hendl to go", mittwochs für 2,80 Euro, verschiedene Hendlvarianten und preisgünstige Gerichte wie Rostbraten mit Spätzle für elf Euro. Hamburger, Snacks und ein Salatbuffet ergänzen das Angebot ebenso wie der "Hahn im Korb". Dahinter verbirgt sich ein halbes Backhendl mit Pommes.

Auch die Weinstube Klink hat ihren "Hahn im Korb". Wirt Vicenzo Di Napoli flirtet gern mit jüngeren, attraktiven Damen, ohne dabei zu vergessen, dass er "sensationelle" Gerichte auf der Karte hat. "Darf ich Ihnen unseren sensationellen Rostbraten vorschlagen, oder vielleicht unsere sensationellen Maultaschen", parliert der italienische Charmeur Abend für Abend in der ehemaligen Besenwirtschaft, die schon längst keine mehr ist. Denn seit dem Jahr 2004 führt "Enzo" das Lokal. Und zwar auf recht sensationelle Weise.

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