Ortsgespräch

von Felix Reiser

Der Degerlocher Merian

Am 12. April vor 75 Jahren kam Eugen Kucher bei einem Tieffliegerangriff ums Leben. Nach wie vor erinnern seine Degerloch-Bilder an einen außergewöhnlichen Künstler. 

Seine Bilder sind nicht in Museen ausgestellt, aber sie hängen in schwäbischen Wohnzimmern in aller Welt, vor allem natürlich in einigen Stuben von Degerloch. In seinen Werken porträtierte Eugen Kucher längst vergangene Szenarien unseres Stadtbezirkes. Dem dörflichen, bäuerlich geprägten Leben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat er Gestalt verliehen, und so lassen seine Werke auch heute noch den beschaulichen Rhythmus dieser Zeit erahnen. "Mancher Neu- Degerlocher erfährt erst durch diese Bilder, wie der Ort früher einmal ausgesehen hat, denn es gibt manche Winkel gar nicht mehr", sagt Ortshistoriker Albert Raff.

Eugen Kucher stammte aus einer alten Weingärtnerfamilie. Er wurde am 12. August 1889 in Enzweihingen geboren, das heute zu Vaihingen an der Enz gehört. Sein Vater Wilhelm, der 1896 nach Degerloch in die Obere Weinsteige 4 übersiedelte, war Gipsermeister. In der neuen Heimat ging sein Sohn zur Schule und absolvierte anschließend eine Malerlehre bei seinem älteren Bruder. Es folgten dann Privatkurse bei Kunstmalern in München. Am 1. November 1910 trat der junge Kucher seinen Dienst als Bühnenmaler im Königlichen Hoftheater in Stuttgart an, dem späteren Württembergischen Staatstheater.

Von Januar 1915 bis Dezember 1918 leistete Eugen Kucher seinen Militärdienst ab. Nach der Rekrutenausbildung in Stuttgart war er zunächst im Landsturm Infanterie Bataillon Horb im Grenzschutz gegen Holland in Belgien eingesetzt, danach im Landsturm Infanterie Bataillon Hall an der Yserfront in Flandern. Dieses Bataillon wurde im August 1917 nach Lothringen verlegt und kehrte im Februar 1918 bis zum Waffenstillstand wieder nach Flandern zurück. Aus dieser Zeit sind von Kucher insgesamt etwa 400 postkartengroße Skizzen überliefert.

"In seiner Freizeit zog es ihn zur Freilichtmalerei, und viele ältere Degerlocher sahen ihn mit seinem Schlapphut noch länger vor sich, wie er die alten Gassen und Winkel des Dorfes und ihre bäuerlichen Bewohner und sein geliebtes Ramsbachtal liebevoll und sorgfältig in der Art eines Merian festgehalten hat", charakterisierte der Historiker Gerhard Raff einmal den schwäbischen Künstler. "Die Malerei war sein Ein und Alles", erinnerte sich auch Erne Kucher, die 2014 gestorben ist, an ihren Schwiegervater.

In Degerloch wohnte der gebürtige Enzweihinger mit seiner Frau Mathilde, geborene Hiller, der Wirtstochter des "Gasthaus zum Ritter" in der Löwenstraße 83. Zum 50. Todestag, in der Osterwoche 1995, waren zahlreiche Werke des Malers in der Raff'schen Scheuer in der Karl-Pfaff-Straße ausgestellt. Ein besondere Präsentation, denn alle gezeigten Exponate stammten aus Privatbesitz.

Kurz vor Kriegsende kam Eugen Kucher am 12. April 1945 auf einer Fahrt nach Aalen bei einem Tieffliegerangriff im Schwäbischen Wald ums Leben - nur zehn Tage, bevor Oberbürgermeister Karl Strölin im "Ritter", dem Gasthaus seines Schwiegervaters, die Stadt Stuttgart an die Franzosen übergab. An den Künstler erinnert der im Jahr 2001 eingeweihte Eugen-Kucher-Weg im Ramsbachtal, der am damaligen Garten Kuchers vorbeiführt. Der Weg beginnt am Zusammentreffen von Zedernweg und Ramsbachstraße und geht in südöstlicher Richtung zwischen Waldrand, Gärten und Wiesen bis zum Brückle über den Ramsbach an der Vereinsgaststätte des TSV Birkach. Wohl dem, der einen künstlerischen Chronisten wie den "Degerlocher Merian" hat.

Kucher-Bilder gesucht
Von Januar bis März 2021 ist eine große Eugen-Kucher-Ausstellung im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart geplant. Hierfür werden noch Exponate aus Privatbesitz gesucht. Ebenso für eine Eugen-Kucher-Stube in den neuen Räumen der Geschichtswerkstatt Degerloch im alten Dekanat. Interessenten sollten sich melden bei: Günther Kurz, Telefon 0711 474126 (AB) oder Guenther.Kurz@hs-esslingen.de.

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