Ortsgespräch

von Felix Reiser

Baby in guten Händen

Lange residierte der "Verein Stuttgarter Kriminächte" in Degerloch in der Albstraße. Nachdem Ursula Sobek die Geschäftsführung aufgab, wird er den Stadtbezirk verlassen. Die Nachfolge ist geregelt. 

Ursula Sobek blickt aus dem 59. Stock des John Hancock Centers. Unten liegt die Stadt, die ihr so am Herzen liegt. "Chicago ist mein magischer Ort. Ich liebe die Stadt und die Menschen", sagt die Auswanderin, die sich durch die "Stuttgarter Kriminächte" einen Namen gemacht hat. Aber es ist nicht nur die Mentalität der Menschen unterhalb ihrer Wohnung des 344 Meter hohen Wolkenkratzers. Die Lage am Südwestufer des Michigansees mit seinen Stränden, die vielen Parks mit den zahlreichen kulturellen Angeboten und Festivals sowie die gewonnenen Freunde durch die Aufenthalte zuvor haben der Auswanderung im Alter von 59 Jahren den Weg bereitet.

59. Stock, 59 Jahre. Ursula Sobek sagt abschließend zu ihrem Schritt in die 2,8-Millionen-Stadt im Bundesstaat Illinois: "Wenn ich glücklich bin, ist es der richtige Schritt." Glücklich war sie auch mit "ihrem Baby", den "Stuttgarter Kriminächten", die sie nach der siebten Auflage abgegeben hat. Die "One-Woman-Show" ist vorüber, die Nachfolge geklärt. Der "Verein Stuttgarter Kriminächte" hat seinen Sitz nun nicht mehr in Degerloch, sondern in Stuttgart-Süd in der Lehenstraße. Von dort aus tätigt zukünftig ein Trio die Aufgaben von Ursula Sobek. Eva Hosemann, ehemalige Intendantin des Theaters Rampe, ist dann für den künstlerischen Bereich zuständig. Bine Schulz sucht die Locations aus, während Stephan Raab für PR und Organisatorisches verantwortlich ist.

"Mein Baby ist in guten Händen", sagt Ursula Sobek, die einst in der Filderschule in Degerloch unterrichtete. Auf die Frage nach den Fächern sagt die ehemalige Lehrerin nur: "Ich habe alles unterrichtet." Ihr Chef hieß damals Manfred Janle, und den ehemaligen Rektor der Degerlocher Schule kennt im Stadtbezirk fast jeder. "Janle ging, und ich ging", blickt die gebürtige Aalenerin zurück. Bis zu den Stuttgarter Kriminächten war es allerdings noch ein weiter Weg. Dass sie den eingeschlagen hat, daran war Wolfgang Schorlau beteiligt. Bei einer Podiumsdiskussion im Jahr 2007 antwortete der Erfolgsautor politisch gefärbter Kriminalromane auf die Frage nach seinem Lieblingswunsch: "Ein Krimifestival in Stuttgart." Im Publikum saß Ursula Sobek. Der Startschuss zu den Stuttgarter Kriminächten war erfolgt.

Bis es letztendlich richtig losging, gab es noch einiges abzuarbeiten. "Es musste ein Verein gegründet werden und wir brauchten die Stadt als Sponsor, was nicht einfach war", blickt Ursula Sobek zurück. Zunächst wurde das Projekt noch als Lesereihe angetestet, dann erfolgte der Countdown zu den "1. Stuttgarter Kriminächten" im Jahr 2010. Zu diesem Zeitpunkt war der Event für die Gründerin schon ein Fulltime-Job. Auswahl der Autoren, Kontakte zu den Verlagen, Auswahl der Locations, Sponsoren-Acquise, Erstellung des Programmheftes, Pressearbeit, Präsenz bei allen Veranstaltungen, Abrechnungen - Ursula Sobek hatte nicht mehr viel Zeit für anderes, um ihre Gäste in die spannungsgeladene Phantasiewelt ihrer Autoren zu entführen. Damit ist nun endgültig Schluss. Aber Chicago hat ja ebenfalls seine Kriminächte - auch wenn es sich hierbei weniger um Literatur handelt.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Einen Kommentar schreiben

^