Ortsgespräch

von Stefanie Bernhardt

Abenteuerlicher Besen-Wirt

Die Naturvölker Neuguineas spielen im Leben des Ethnologen Thomas Michel eine wichtige Rolle. Seine Besen-Wirtschaft am Haigst ebenfalls. 

"Natürlich war das ein Selbstmordkommando", gibt Thomas Michel zu, wenn er über seine erste Reise nach Neuguinea berichtet. Damals war Michel 28 Jahre alt und reiste in das ferne Land, um die dort lebenden Papuas zu erforschen. Die hatten zu der Zeit noch nie einen Weißen zu Gesicht bekommen, Kannibalismus und Stammeskriege waren Normalität. "Das war die letzte Gelegenheit, Menschen mit Steinzeitkultur zu erleben, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie missioniert worden wären", berichtet der Wirt von "Michels Gauder Besen" am Haigst.

Nicht weniger aufregend wird seine Geschichte, wenn er erwähnt, dass kurz zuvor holländische Missionare in einem anderen Dorf verspeist wurden. "Ich habe nicht eingegriffen, nur beobachtet", berichtet der gebürtige Dessauer. Auch, wenn er schlimme Dinge gesehen habe, wie er zugibt. Aber er wurde aufgenommen, bekam eine Hütte und lebte ein Jahr lang in dem Dorf. Beim Abschied bekam er zum Schutz einen Schädel geschenkt, der bis heute in seiner Besenwirtschaft in der Meistersinger Straße über ihn wacht. "Der macht einen super Job, ich war nie krank", sagt Michel und lacht lauthals. Lediglich beim Zoll sorgte sein Talisman für einige Aufregung. Aber auch dies nahm er mit Humor. "Ich habe immer viel Glück gehabt", resümiert der 69-Jährige, der sich aktuell bereits auf Expedition in Neuguinea befindet.

Zu seinem Besen auf dem Haigst kam er eher zufällig. "Das kann man nicht planen, niemand verkauft einfach so Weinberge und auch eine Besen-Wirtschaft bleibt meistens in der Familie", sagt der Besen-Wirt. Nachdem er Eberhard Gauder, den Besitzer des Hauses kannte, bot dieser ihm das Gebäude zum Kauf an. 2009 eröffnete "Michels Gauder Besen" in der Meistersinger Straße. "Das hier ist auch Kulturarbeit", erklärt der hessische Hausherr, der bis heute einen schweren Stand bei den örtlichen Wengertern hat. Als sein Wein prämiert wurde, war klar, "dass so ein Professor-Doktor eben schon weiß, wie man an Preise kommt".

Seine Gäste kommen gerne, der Besen ist ein beliebter Treffpunkt auf dem Haigst. "Viele Nachbarn lernen sich erst hier kennen", berichtet der 69-Jährige. Die Arbeit im Weinberg ist sein Hobby und hält ihn fit, auch für seine Reisen nach Neuguinea, wo er immer wieder Völker im Dschungel besucht und auch ein aktuelles Museumsprojekt vor Ort betreut. Sein Videomaterial aus früheren Reisen ist dort neben vielen Ausstellungsgegenständen zu sehen. So manch Einheimischer sieht dann zum ersten Mal Bilder sein Eltern oder sich selbst, als er noch jung war. Michels Leben bleibt auch in Zukunft abenteuerlich. "Fern- und Heimweh haben sich bei mir immer die Waage gehalten", sagt der Abenteurer.

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